Bauhaus-Universität Weimar

Anwendung 
des Begriffs 
der teleolo* 
gifch-ge- 
fchicht- 
üchen Ent¬ 
wicklung 
auf das 
äfthetifche 
Fühlen. 
22 Erfter Abfchnitt: Methodifche Grundlegung der Äfthetik. 
rechnen können.1) Wie Kant diefe Antinomie auflöft, geht uns hier 
nichts an. 
4. Wenn nun auch durch die Tatfache der Verftändigungsmög- 
lichkeit die Wirkfamkeit eines Allgemeingültigen in der Äfthetik ge- 
währleiftet ift, fo ift damit doch nichts darüber entfchieden, wie jene 
Verfchiedenheit und Wandelbarkeit des älthetifchen Verhaltens be¬ 
urteilt werden folle, und in welcher Weife und welchem Grade ihr in 
der grundfätzlichen Geftaltung der Äfthetik Rechnung zu tragen fei 
Soll der Wechfel der äfthetifchen Gefühle, Ideale und Urteile 
in richtiger Weife gewürdigt werden, lb ift er vor allem unter den 
Gefichtspunkt der Entwicklung zu rücken. Jener Wechfel ift kein 
wildes, wirres Durcheinander; er wird nicht etwa nur durch kleine, 
nebenfächliche, unzufammenhängende, zufällig hereinfpielende Ur- 
fachen hervorgerufen; fondern er ftellt fich als eine Reihenfolge von 
Stufen dar, die, mögen auch äußerliche Urfachen mit hereinfpielen, 
in der Hauptfache durch die jeweilige kulturgefchichtliche Gefamt- 
lage eines Volkes beftimmt find. Und diefe kulturgefchichtlich be- 
ftimmte Reihenfolge ift bei genauerer Betrachtung im Kerne als eine 
Entfaltung von innen heraus, als ein organifches Gefchehen aufzu- 
faffen. Was ein Volk im Laufe der Zeiten in den Künften hervor¬ 
bringt, ift die ftufenmäßige Entfaltung feiner künftlerifchen Anlagen. 
Die künftlerifche Entwicklung der Griechen, Italiener, Holländer, 
Deutfchen ift kein flackerndes, hin und her irrendes Auf und Nieder, 
fondern die Herausarbeitung und Ausgeftaltung der Keime, die das 
mit dem beftimmten Volksgeift verbundene künftlerifche Können aus¬ 
machen. 
Doch noch in einem tieferen Sinne ift der Begriff der Entwick¬ 
lung auf den Wechfel der künftlerifchen Gefühle und Ideale anzu¬ 
wenden. Der künftlerifchen Entwicklung durch die Zeiten hindurch 
ift ein teleologifcher oinn zu geben. Damit will ich fagen, daß, 
abgefehen von gewiffen Zeiten künftierifcher Dürre, jede Stufe der 
künftlerifchen Entwicklung eines Volkes einen eigentümlichen äfthe¬ 
tifchen Wert darftellt, und daß im großen und ganzen ëîne^immer 
wachfende Bereicherung, Erweiterung, Vertiefung, Verfeinerung der 
künftlerifchen Ideale ftattfindet. Freilich muß, wenn diefe Behauptung 
überzeugend wirken foil, ein gewiffer Gedanke in Fleifch und Blut 
übergegangen fein. Es ift der vor allem in der Hegelfchen Philo- 
*) Kant, Kritik der Urteilskraft, § 55.
        

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