Bauhaus-Universität Weimar

» Zweites Kapitel: Möglichkeit der Äfthetik als Wiffenfchaft. 
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Richtung weift. Über älthetifche Fragen ill Verftändigung möglich, digens in 
Bei auseinandergehender Meinung über künftlerifche Werte, fei es fragen.6” 
allgemeiner Natur, fei es mit Rückficht auf ein beltimmtes Kunft- 
werk, läßt man lieh in ernlthafte Gefechte mit der Abficht und Hoff¬ 
nung ein, den Gegner zu überzeugen. Man bringt Gründe vor, 
fucht die Gegenftände zu widerlegen, fpäht nach Widerfprüchen beim 
Gegner, hebt das mit der Natur der Sache Übereinltimmende an der 
eigenen Anficht hervor, kurz man benimmt lieh fo, daß dabei Maß- 
ftäbe des Richtigen und Unrichtigen vorausgefetzt werden. Keinem 
Menfchen würde es einfallen, lieh über individuelle Unterfchiede in 
den Geruchs- oder Gefchmacksempfindungen in einen emfthaften, auf 
ein Überzeugen des Gegners gerichteten Streit einzulaffen. Es wäre 
unfinnig, dem Gegner beweifen zu wollen, daß es richtig fei, bei 
dem Geruch von Teer oder bei dem Gefchmack von Hummer Luft 
zu fptiren. Auch wird die Hoffnung, bei äfthetifchen Meinungs- 
verfchiedenheiten den Gegner zu überzeugen, nicht feiten erfüllt. 
Wird auch der Gegner nicht fofort überzeugt, fo können doch die 
vorgebrachten Gründe und Gefichtspunkte bei ihm nachwirken und 
ihn, wenn die Parteihitze verflogen ill, umftimmen. Man vergegen¬ 
wärtige lieh den Briefwechfel zwifchen Goethe und Schiller: wie 
fühlt lieh nicht der eine durch den andern in äfthetifchen Dingen 
geklärt und gefördert! Dergleichen wäre nicht möglich, wenn in dem 
Bereiche des äfthetifchen Fühlens und Urteilens alles regel- und 
zügellos individuell wäre. Das Vorbringen von Gründen und Gegen¬ 
gründen, das Erörtern aus fachlichen Gefichtspunkten weift darauf 
hin, daß bei allem Wechfel und aller Unberechenbarkeit dennoch zu¬ 
gleich überindividuelle, fachlich gültige Normen zu Grunde liegen 
müffen. 
Vor allem Kant legte der Tatfache des Sichverftändigens in 
äfthetifchen Fragen eine für die Grundlegung der Äfthetik ent- 
fcheidende Wichtigkeit bei. Er ftellt geradezu eine „Antinomie 
des Gefchmacks“ auf. Dem Satze: ein jeder hat feinen eigenen 
Gefchmack, und es läßt fich daher über den Gefchmack nicht 
disputieren, lieht nach feiner Überzeugung mit gleichem Rechte 
der Satz gegenüber: über den Gefchmack läßt fich ftreiten. Diefer 
zweite Satz aber weift auf Gefchmacksgefetze hin. Denn worüber es 
erlaubt fein foil, zu ftreiten, da muß Hoffnung fein, untereinander 
übereinzukommen, mithin muß man auf Gründe des Urteils, die 
nicht bloß Privatgültigkeit haben und alfo nicht bloß fubjektiv find,
        

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