Bauhaus-Universität Weimar

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Erfter Abfchnitt: Methodifche Grundlegung der Äfthetik. 
Wie follen angefichts diefer ungeheuren Verfchiedenheit und 
Wandelbarkeit des äfthetifchen Fühlens und Urteilens allgemeingültige 
Feftftellungen über äfthetifche Maßftäbe und Ideale möglich fein? 
Selbft über die allgemeinften Erfordemiffe des äfthetifchen Verhaltens 
fcheinen fefte Beftimmungen unmöglich zu fein. Man denke etwa 
nur an folgendes: In dem Verhalten der Menfchen, auch der geiftig 
hochftehenden, gegenüber Kunftwerken beftehen tiefgehende Unter- 
fchiede rückfichtlich der Fernhaltung oder Zumifchung moralifcher 
oder religiöfer Erregungen, finnlicher Luftgefühle, perfönlicher, leiden- 
fchaftlicher Ergriffenheit. Wie foil man es anfangen, um unter diefen 
gründlich verfchiedenen Verhaltungsweifen, von denen eine jede die 
„wahre“ Gegenwirkung auf Kunftwerke zu fein beanfprucht, einer 
einzigen den Stempel des Seinfollenden aufzudrücken und die übrigen 
zu verwerfen? 
So fcheinen denn die äfthetifchen Gefühle und Anfchauungen 
ausfchließlich in die Pfychologie hineinzugehören, ohne Gegenftand 
einer befonderen Wiffenfchaft werden zu können. Wo die Pfycho¬ 
logie über die verwickelten Formen des Gefühls- und Phantafielebens 
handelt, wird fie natürlich auch von den feelifchen Betätigungen zu 
fprechen haben, die auf den Eindruck von Kunftwerken hin erfolgen 
und in ähnlicher Weife auch der Natur gegenüber zuweilen auftreten. 
Die Pfychologie wird hierbei feftzuftellen haben, daß es je nach 
Zeit, Volk, Kultur, Individualität eine unüberfehbare Menge verfchieden 
gearteter Gegenwirkungen auf Kunftwerke gibt. Dagegen wird fie 
fich jeder Bevorzugung der einen vor der anderen zu enthalten, viel¬ 
mehr zu bekennen haben, daß fich angefichts der unzähligen Wand¬ 
lungen, Schwankungen, Verfchiebungen, die diefe Gefühls- und 
Phantafieäußerungen zeigen, von Gefetzen des Schönen, Erhabenen 
u. dgl. nicht reden laffe. 
Hierauf ungefähr läuft der Haupteinwand der Gegner der Äfthetik 
hinaus. Und es wird wohl noch der Trumpf ausgefpielt, daß die 
äfthetifche Luft an Wandelbarkeit dem Vergnügen an Gefchmäcken 
und Gerüchen kaum nachftehe. Wie fich die an Gefchmacks- und 
Geruchsempfindungen geknüpfte Luft unter keine Norm bringen laffe, 
ebenfowenig könne es äfthetifche Ideale geben, an denen jedermann 
Gefallen zu finden verbunden fei. 
Gegen- 3. Wenn fo die Gegner der Äfthetik die Verfchiedenheit und 
Sache des den Wechfel des künftlerifchen Gefchmacks hervorheben, fo laffen 
sichverftän- fie eine andere Tatfache unbeachtet, die nach entgegengefetzter
        

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