Bauhaus-Universität Weimar

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Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
braucht darum nicht eingetreten zu fein. Ill das Bewußtfein von dem 
fühlenden Schauen erfüllt, fo fchweben diefe Urteilsakte wie flüchtige 
und leichte Gebilde darüber hin, ohne für (Ich das Bewußtfein in 
Anfpruch zu nehmen und fein Intereffe zu fpalten. Sie gehen in 
unfchädlicher Weife in den Fluß des äfthetifchen Betrachtens und 
Genießens ein. 
So haben wir alfo rückfichtlich des Verhältniffes zum äfthetifchen 
Genießen zweierlei äfthetifche Urteile zu unterfcheiden. In dem einen 
Falle werden die äfthetifchen Urteile als etwas mit dem äfthetifchen 
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Genießen Unverträgliches gefühlt. Sie treten entweder ein, wenn das 
äfthetifche Genießen naturgemäß vorüber ilt, oder fie führen von fich 
aus ein Aufhören oder mindeftens eine Beeinträchtigung und Störung 
des äfthetifchen Genießens herbei. Befonders wenn das äfthetifche 
Urteil lieh zu einer ausgebreiteten Kritik oder auch zu zufammen- 
hängender Erläuterung entwickelt, ift das Aufhören des äfthetifchen 
Genießens Bedingung feines Eintretens. Ich will in diefem Fall von 
felbftändigen äfthetifchen Urteilen reden. In dem anderen Falle 
geht das Urteil in das äfthetifche Genießen ein. Es ift hier im Ver¬ 
gleich zu der Stärke und dem Drange des äfthetifchen Genießens 
etwas fo Geringes und Flüchtiges, daß es das Bewußtfein von dem 
äfthetifchen Genießen nicht ablenkt, fondern von dem äfthetifchen 
Genießen gleichfam umfpannt und aufgenommen wird. Ich kann 
auch fagen: die äfthetifchen Urteile umfehweben und umfpielen hier 
das äfthetifche Betrachten und Genießen, ohne es irgendwie aus dem 
Mittelpunkte des Bewußtfeins zu verdrängen. Ich will fie kurz als 
einfließende äfthetifche Urteile bezeichnen. Von diefen Urteilen 
kann man daher fagen, daß fie eine Zumifchung zum äfthetifchen 
Betrachten und Genießen bilden. Die felbftändigen äfthetifchen 
Urteile dagegen ftellen ein davon Getrenntes, ein Andersartiges dar. 
Sie können in keiner Weife zum äfthetifchen Verhalten gerechnet 
werden. 
Wenn man genau auf lieh achtet, wird man finden, daß äfthe¬ 
tifche Urteile der einfließenden Art häufig in ziemlicher Menge unfer 
äfthetifches Genießen umfpielen. Gerade in dem Bewußtfein des 
künftlerifch gebildeten Menfchen kommt es, auch wenn er ganz in 
das äfthetifche Schauen und Fühlen verfenkt ift, doch leicht nebenher 
zu einer Fülle folcher unfchädlicher äfthetifcher Urteile. Bei der Be¬ 
trachtung z. B. des Koloffalgemäldes von Paolo Veronefe im Louvre, 
das die Hochzeit zu Kana darftellt, kann mir der Gedanke kommen:
        

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