Bauhaus-Universität Weimar

Achtzehntes Kapitel: Das ällhetifche Urteil. 
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fich fagen: diefe Landfchaft ill von einem höher gelegenen Punkte 
aus gemalt; oder: dies muß Abendbeleuchtung fein. Es liegt in der 
Natur der Sache, daß das Verltändnisurteil in vielen Fällen zugleich 
objektives Werturteil ill. So wenn ich etwa fage: in Parricida wird 
kurz vor dem Schluffe des Dramas völlig unvorbereitet eine neue 
Perfon mit abfeitsliegenden Schickfalen in großer Ausführlichkeit ein¬ 
geführt. Hierin liegt Erläuterung, zugleich aber Tadel. 
2. Es entlieht hier die Frage: wie verhält fich das ällhetifche 
Urteil zum ällhetifchen Betrachten und Genießen? Es gibt eine 
Menge von Fällen, wo das ällhetifche Urteilen gerade das Zu-Ende- 
fein des ällhetifchen Betrachtens und Genießens bedeutet. Wenn ich 
im Zwifchenakte oder nach dem Theater mit meinem Freunde über 
das Stück fpreche, fo find die das Gefpräch bildenden ällhetifchen 
Urteile eine Sache für fich; das ällhetifche Betrachten und Genießen 
ift erledigt. Befprechung, Zergliederung, Kritik Hellen fich ein, nach¬ 
dem die davon grundverfchiedene Stimmung und Bewußtfeinshaltung 
vorüber ill. Oder wenn der Ällhetiker beim Anhören eines neuen 
Tonwerkes darüber nachfmnt, ob und wie er das foeben Gehörte mit 
feinen ällhetifchen Theorien in Einklang bringen könne, fo ift während 
diefes Nachdenkens das künltlerifche Genießen ohne Zweifel geradezu 
eingeltellt. 
Anders dagegen liegt die Sache, wenn ich im Laufe des ällhe¬ 
tifchen Betrachtens zu mir felbft fage: das ill prächtig! das ill wohl¬ 
gelungen ! das war ein Höhepunkt ! Diefe Werturteile gehören freilich 
ltreng genommen gleichfalls nicht zum ällhetifchen Betrachten und 
Genießen, aber fie Hören es doch auch nicht. Sie werden von dem 
Fluß des äflhetifchen Betrachtens und Genießens gleichfam mitge¬ 
nommen; fie gehen in ihn ein, ohne ihn merklich zu unterbrechen. 
Genau genommen lind freilich auch diefe Werturteile Äußerungen der 
Reflexion, fie bedeuten ein Herausfallen aus dem fühlenden Schauen. 
Allein fie find in den angedeuteten und ähnlichen Fällen fo flüchtiger 
und untergeordneter Art, daß fie in dem mächtigen Strom des äflhe¬ 
tifchen Betrachtens und Genießens nicht als Unterbrechung empfunden 
werden. So kann es lieh auch mit Verfländnisurteilen verhalten. 
Wenn ich beim Betrachten eines Kreuzigungsbildes zu mir fage: dies 
ifl Maria, dies ifl Johannes, dies ifl Magdalena u. f, w., fo find hiermit 
die Bedeutungsvorfiellungen in Urteile aufgelöfl. Genau genommen 
ifl damit ein Anfang der Entfernung vom fühlenden Schauen gemacht. 
Allein eine Unterbrechung und Störung des fühlenden Schauens 
Selbftändige 
und 
einfliefiende 
ällhetifche 
Urteile.
        

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