Bauhaus-Universität Weimar

Zweites Kapitel: Möglichkeit der Älthetik als Wiffenfchaft. 
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ein unverftändiges, lächerliches, entweihendes Treiben Vorkommen 
können. Ja es kann leicht gefchehen, daß die Künftler, eben weil 
ihre Stärke nach ganz anderen Richtungen liegt und ihnen oft geradezu 
das Verftändnis für das Eigentümliche der philofophifchen Begriffs¬ 
arbeit fehlt, einfach nicht verftehen, was der Äfthetiker will und 
fpricht, und fo einen fchiefen Sinn unterlegen. Die Äfthetik jöft 
das Schöne und die Kunft durchaus in begriffliche Beziehungen auf. 
Dem Künftler dagegen lieht das Schöne und die Kunft als ein kraft- 
und faftvoll Lebendiges vor Augen. Daher kommt es ihm vor, als 
ob die Äfthetik in das Schöne und die Kunft etwas völlig Fremdes 
hineintrage, ihnen willkürlich etwas Leeres, Totes, Abftraktes unter- 
fchiebe und trotzdem in der groben Selbfttäufchung lebe, vom 
Schönen und der Kunft zu fprechen und ihr Wefen erkannt zu haben. 
Unter den Dichtern hat befonders Grillparzer die Äfthetik feine 
Ungunft fühlen laffen; er hat fie mit einer Reihe ftachliger Epi¬ 
gramme bedacht.1) Auch Goethe hat über das begriffliche Bemühen 
der Äfthetiker gelegentlich gelacht.2) Gegenwärtig bringt es die 
neue Bewegung in der Kunft mit fich, daß auch zahlreiche Künftler 
lieh mit äfthetifchen Überlegungen zufammenhängend befchäftigen. 
Ich nenne aus dem Bereich der bildenden Künftler nur Adolf Hilde¬ 
brand und Max Klinger.3) Unter den Dichtern fei auf Tolftoi, unter 
den Tonkünftlern auf Weingartner hingewiefen. 
2. Der gefährlichfte aller Einwände gegen die Ausführbarkeit Einwand: 
einer wiffenfchaftlichen Äfthetik gründet fich auf die Tatfache von denhdtund 
dem Wandel des äfthetifchen Ftihlens und Urteilens im Wandel der wandeibar- 
Völker und Zeiten und von feiner Verfchiedenheit bei verfchiedenen ^tifchen 
Individuen derfelben Zeit und desfelben Volkes. Es handelt fich Gefühle und 
hierbei um etwas fo Offenkundiges, taufendfältig fich Aufdrängendes/ Urteile* 
allgemein Zugeftandenes, daß ich mir Beifpiele erfparen darf.4) 
x) Grillparzers Werke. Ausgabe in 20 Bänden. Bd. 3, S. 135, 146, 187, 213, 
217, 236. Man vergleiche auch Hebbels Epigramm: Werke, Hamburg 1891, Bd. 7, 
S. 217. 
2) Gefpräche mit Goethe. Von Johann Peter Eckermann. Leipzig 1883. 
5. Aufl. Bd. 3, S. 100. 
3) Ich könnte noch Walter Crane, Wilhelm Trübner, Paul Schultze- 
Naumburg, Fritz Schumacher u. a. anreihen. 
4) Befonders leidenfchaftlich hat Wienbarg in feinen „Äfthetifchen Feldzügen“ 
(Hamburg 1839) die Mannigfaltigkeit und Wandelbarkeit des äfthetifchen Ftihlens 
und Urteilens gegen die Möglichkeit einer wiffenfchaftlichen Äfthetik ausgefpielt. 
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