Bauhaus-Universität Weimar

Siebzehntes Kapitel: Die äfthetifche Luft. 
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Betracht. Stellt man etwa die Geftalt Othellos, Lears, Macbeths auf 
die eine, Prinz Heinrich, Fallftaff, Portia auf die andere Seite, fo find 
ohne Zweifel die für die Einfühlung verwendeten Vorllellungen und 
Gefühle dort mehr mit Unluft, hier überwiegend mit Luft verknüpft. 
Dasfelbe ift der Fall, wenn ich etwa die Bilder Tizians mit denen der 
Maler der Armut und Not vergleiche. Hier handelt es fich alfo nicht 
um eine allgemeine äfthetifche Luftquelle, fondem um befondere loift- 
und Unlufterträgniffe, die je nach Gegenftand und bis zu gewiffem 
Grade auch nach Individualität wechfeln. Um einen kurzen Namen 
zu haben, will ich in diefer Hinficht von der Luft am Vorftellungs- 
und Gefühlsinhalt des äfthetifchen Gegenftandes fprechen. 
Diefe Luft kann auch außeräfthetifche Form annehmen. Es kommt 
häufig vor, daß dem Inhalt des äfthetifchen Gegenftandes moralifche, 
politifche, religiöfe Gefühle entfprechen, die die Grenze der äfthetifchen 
Bewußtfeinshaltung fühlbar überfchreiten. In folchen Fällen knüpft 
fich Luft, unter Umftänden auch Unluft von ftofflicher, außeräfthetifcher 
Art an den Inhalt des äfthetifchen Gegenftandes. Man denke an 
Gedichte, die auf Erweckung vaterländifcher Gefinnung, feuriger 
Schlachtenftimmung, religiöfer Erbauung angelegt find. Diefe Luft- 
und unter Umftänden auch Unlufterregungen find bald eine harm- 
lofe Zugabe zum äfthetifchen Verhalten, bald eine empfindliche Störung 
desfelben. 
Neben der Bedeutungsvorftellung haben wir auch die affoziierten 
Vorftellungen kennen gelernt (S. 138 ff.). Wenn man fich das über 
diefe Vorftellungen Gefagte in Erinnerung ruft, fo leuchtet fofort ein, 
daß fich auch an diefe Vorftellungen Luft knüpfen kann. Befonders 
die dort an dritter Stelle behandelten umfpielenden Vorftellungen 
können zu einer reichen Quelle von Luft werden. Auch diefe Luft 
an den affoziierten Vorftellungen ift der Natur der Sache nach 
weit entfernt davon, eine allgemeine äfthetifche Luft zu fein. 
5. Als Mittelpunkt des äfthetifchen Betrachtens lernten wir die 
Einfühlung zufamt der Verfchmelzung kennen. An die Einfühlung 
nun knüpft fich eine der eigentümlichften und wichtigften äfthetifchen 
Luftäußerungen. Es ift die Luft an dem Sinnlichwerden der ein- 
gefchmolzenen Gefühlsmaffe, die Freude an dem anfchaulichen Her¬ 
vortreten der gegenftändlichen Gefühle. Die Vorftellungen nämlich 
darf ich vernachläffigen, weil fie, wie gezeigt wurde, mit dem Schein 
des Gefühlsmäßigen umkleidet werden. Oder wenn ich mich objek¬ 
tiver ausdrücken will, kann ich von dem Genuß an der anfchaulichen 
Außer¬ 
äfthetifche 
Luit am 
Inhalt. 
Luft an den 
affoziierten 
Vor¬ 
ftellungen. 
Luit der 
Einfühlung.
        

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