Bauhaus-Universität Weimar

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Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
Zweite Ge- 
flalt: Durch¬ 
laufen voll¬ 
zogener 
Glie¬ 
derungen. 
Der imma¬ 
nente Fall 
in feiner 
objektiven 
Geitalt. 
daß fie Verknüpfungen herzuftellen verfuchen, und daß es ihnen damit 
nicht recht gelingt. Oder es kann gefchehen, daß uns etwa ein 
gedankenfchweres Gedicht Ibfens oder ein kunftvoll gefchlungenes 
Gedicht aus Goethes weftöftlichem Divan beim erften Hören oder 
Lefen in feiner Gliederung noch dunkel erfcheint und wir dann in 
Verknüpfung, Fortgang, Abrundung einzudringen verfuchen. Ein ver¬ 
wickeltes Bauwerk kann zu ähnlichen Bemühungen Anlaß geben. 
Und fo in allen Künften. 
Doch kommt das felbftändige Ausüben der äfthetifchen be¬ 
ziehenden Funktion noch in einer zweiten Geftalt vor. Es kann 
gefchehen, daß uns der äfthetifche Gegenftand in feiner Gliederung 
und Einheit klar vor Augen fleht, und daß wir nun doch noch das 
weitere Bedürfnis haben, uns Gliederung und Einheit für fleh zu 
deutlichem Bewußtfein zu bringen. Wir heben dann, nebftdem daß 
wir anfchauen oder angefchaut haben, noch die Verknüpfungen in 
dem Angefchauten für fleh befonders hervor. Wir machen im Be¬ 
trachten eines Kunftwerkes irgendwo Halt und gehen die Gruppie¬ 
rungen, Einfchnitte, VerfchliLgungen, die wir bis dahin kennen gelernt 
haben, als folche im Geilte durch; oder es kann auch diefes Durch¬ 
laufen nach voller Beendigung der Betrachtung des Kunftwerkes ge¬ 
fchehen. Entweder handelt es fleh dabei mehr um das Bedürfnis 
nach klarem Urteil und kritifchem Verhalten oder mehr um den 
Zweck, durch diefes betonte Herausheben den Genuß an der durch¬ 
geführten Gliederung und Einheit fleh verfeinern und verftärken zu 
laffen. Diefe ganze zweite Art des dualiftifchen Falles bildet infofern 
das Widerfpiel zu der erften, als fie eine Weiterführung des bereits 
wenigftens in gewiffem Umfang gelungenen äfthetifchen Betrachtens 
bedeutet, während es fleh dort um eine Vorbereitung handelte. 
Der zweite Fall kennzeichnet fleh dadurch, daß das Gliedern 
und Einigen ungetrennt von dem finnlichen Anfchauen vorkommt. 
Auch innerhalb diefes immanenten Falles gibt es wiederum zwei 
Möglichkeiten: eine rein objektive und eine fubjektiv betonte. 
Wenn wir die Vorderfeite eines Haufes betrachten, fo wird uns 
in der Regel fofort ein in fleh gegliederter Anblick zu teil. Wir find 
uns einer beziehenden Tätigkeit überhaupt nicht bewußt; fondern es 
wird uns ein in lieh bezogenes Ganzes wie von außenher gegeben. 
Für unfer Bewußtfein ift Bezogenes vorhanden, aber keine beziehende 
Tätigkeit. Damit ift natürlich nicht gefagt, daß von uns die Funktion 
des Beziehens in folchem Falle überhaupt nicht ausgeht; fondern nur
        

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