Bauhaus-Universität Weimar

Sechzehntes Kapitel: Das äfthetifche Beziehen und Gliedern. 329 
inhaltlich vermittelt ausgeübt. Gliederung und Einheit eines äfthe- 
tifchen Gegenftandes ergibt fleh entweder durch einfache, unmittelbare 
Vertiefung in die finnliche Form oder unter Hinzuziehung des in der 
Sinnenform zum Ausdruck gebrachten vorftellungsmäßigen Inhalts. 
Doch halte ich es für beffer, auf diefe Unterfchiede in Gliederung 
und Einheit nicht hier, fondem erft an fpäterer Stelle, wo Gliederung 
und Einheit unter den Gefichtspunkt der Norm gebracht werden wird, 
einzugehen. 
5. Ein anderer Unterfchied des äfthetifchen Gliederns und 
Einigens dagegen muß fchon hier hervorgehoben werden. Die 
Funktion des Beziehens wird entweder neben der finnlichen An- 
fchauung, getrennt von ihr, ausgeübt, oder fie geht ungetrennt von 
der finnlichen Anfchauung vor fich. In dem erften Falle find wir 
uns des Gliederns und Verknüpfens, des Trennens und Einigens als 
einer befonderen Tätigkeit bewußt; in dem zweiten Falle kommt uns 
diefe Tätigkeit für fich nicht zum Bewußtfein, fondern nur als ver- 
wachfen mit dem finnlichen Anfchauen. Ich will jenen Fall als den 
dualiftifchen, diefen als den immanenten bezeichnen. 
Der erfte Fall kommt in doppelter Weife vor. Erftlich 
haben wir daran zu denken, daß uns oft ein Kunftwerk in feinen 
Verhältniffen und Gruppierungen noch unklar ift und wir das Be¬ 
mühen haben, Gliederung, kleinere und größere Einheiten hinein¬ 
zubringen. Dann verfuchen wir uns in der Funktion des Beziehens; 
wir üben an dem Kunftwerk allerhand unterfcheidende, vergleichende, 
abwägende, zufammenfaffende Tätigkeiten aus. Diefe können zum 
Gelingen führen: das Kunftwerk fteht uns dann als ein durchfichtig 
und befriedigend in fich bezogenes vor Augen. Oder wir kommen 
zu keinem befriedigenden Ergebnis: dies drückt fich nun wieder 
entweder in dem Bekenntnis aus, daß wir das Kunftwerk nicht zu 
durchfchauen vermögen, daß unfer Verftändnis nicht hinreicht, oder 
in dem Tadel, daß das Kunftwerk einer klaren Gliederung und Ein¬ 
heit entbehrt. In jedem Falle hat diefe Art von bewußter Ausübung 
der Beziehungsfunktion neben dem finnlichen Anfchauen nur die 
Bedeutung einer Vorbereitung für das vollendete äfthetifche Ver¬ 
halten. Es find Verfuche, Bemühungen, um im äfthetifchen Betrachten 
zum Ziele zu kommen. 
Dergleichen kommt in allen Künften vor. Perfonen, die nicht 
durch mufikalifche Begabung und Schulung hervorragen, machen beim 
erften Anhören eines fchwierigen Tonwerkes gewöhnlich die Erfahrung, 
Dualiftifche 
und 
immanente 
Ausübung 
der 
beziehenden 
Funktion. 
Erfte Geftalt 
des 
dualiftifchen 
Falles: vor¬ 
bereitende 
Glie- 
derungs- 
verfuche.
        

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