Bauhaus-Universität Weimar

Eigentüm¬ 
liche 
Stellung der 
Dichtung. 
296 Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
möge Ähnlichkeitsaffoziationen unfer Gefühlsleben in feine Tiefe hinein 
zu erregen wie die von Beethoven oder Berlioz gefchaffenen Ton¬ 
gruppierungen. 
Doch auch die Affoziation nach Bewußtfeinsnachbarfchaft ift an 
der Vergeiftigung der fymbolifchen Einfühlung beteiligt. Wenn z. B. 
Ruysdaels Judenkirchhof uns mit fo gedankenvoller, fall philofophifcher 
Schwermut erfüllt, fo wirken dabei insbefondere die Grabmäler mit. 
Ihr Anblick verbindet fich mit dem Gefühl der Vergänglichkeit. Dies 
gefchieht durch Affoziation nach Bewußtfeinsnachbarfchaft. Und das 
Vergänglichkeitsgefühl wird dann in die ganze Haltung und Färbung 
der Landfchaft eingefühlt. Oder es kann eine Hütte, ein hervor¬ 
guckendes Dach die Stimmung des Traulichen und Friedevollen in 
einer Landfchaft bedeutend erhöhen. Hütte, Dach erinnern uns an 
die fo oft in Zufammenhang mit ihnen gehegten Gefühle, und diefe 
verfchmelzen dann mit der ganzen Landfchaft. 
Natürlich wird hier überall für die Beurteilung der in Frage 
kommenden Affoziationen nicht die leere, finnlofe, fondem die mit 
der Bedeutungsvorftellung verfchmolzene Sinneswahmehmung (alfo 
SW + BV) als Anknüpfungspunkt und Grundlage vorausgefetzt. 
9. Die Dichtung nimmt, wie wir fchon vom vorigen Kapitel her 
wiffen (S. 280 ff.), rückfichtlich der Mittel, durch welche die fymbolifchen 
Empfindungen und Gefühle herbeigefchafft werden, eine eigentümliche 
Stellung ein. Der Dichter wendet überaus häufig befondere Worte 
an, um in dem Lefer die fymbolifchen Empfindungen und Ge¬ 
fühle entliehen zu laffen, die mit den inneren Anfchauungen ver- 
fchmolzen werden follen. An der eben angeführten Stelle waren Bei- 
fpiele für derart hervorgerufene fymbolifche Empfindungen gebracht 
worden. Aber es pflegen befondere Worte auch für das Hervorrufen 
der fymbolifchen Gefühle angewandt zu werden. 
Ich fchlage z. B. Eichendorff auf und fuche auf gut Glück in 
feinen Gedichten. Da finde ich auf wenigen Seiten folgendes: „Die 
Erde bebt vor Wonne.“ — „Kühn nach oben greift aus Nacht Waldes¬ 
pracht.“ — „Wie ein Feenland von Träumen ruht die wunderbare 
Nacht.“ — Von den Talestiefen heißt es, daß „in ahnendem Schweigen 
fich alle fo neigen mit Ähren und Zweigen“. — Die fchlanken Wolken¬ 
frauen ziehen „wie geheime Gedanken“. — „Der buhlerifche Wind.“ — 
„Durchs ungewiffe Blau“ lächelt „die Sonne verfchlafen“. — Die 
Nachtigallen fchlagen, „als wollten fie was fagen von der alten, fchönen 
Zeit“. — Der Lenz „grüßt mit Glanz und frifchem Klang“. Jedermann
        

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