Bauhaus-Universität Weimar

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Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
Ein mittlerer 
Fall. 
Rückblick. 
(ich bei hingebendem Lefen an den herangezogenen Naturgeftalten 
der Vorgang der Einfühlung. Durch den ganzen Zufammenhang ift 
es das Gefühl frifchen, freien, warmen Lebens, als deffen Ausdruck 
Berge, Tannen, Bäche, Vögel, Wolken erfcheinen. Fragt man aber, 
ob diefe Einfühlung fich durch befondere Worte, die in uns ver¬ 
mittelnde fymbolifche Empfindungen zu wecken geeignet wären, her- 
ftelle, fo lautet die Antwort: folche befondere Worte find nicht vor¬ 
handen. Es könnte alfo der Lefer nur von fich aus, durch Kraft und 
Eigenart der Phantafieanfchauung und Gefühle, dahin gebracht werden, 
entfprechende Bewegungsempfindungen u. dgl. hinzuzutun. Und un¬ 
möglich ift dies ficherlich nicht. 
Es kommt nun aber auch der mittlere Fall vor, daß eben die¬ 
fe Iben Worte einerfeits der Erzeugung von Phantafieanfchauung oder 
Gefühl, anderfeits dem Erwecken von vermittelnden Gliedern dienen. 
Wenn es bei Heine in der Bergidylle heißt: „Freundlich ernfthaft 
fchwatzt die Wanduhr“, fo fteht durch das Wort „fchwatzt“ die 
Wanduhr nicht nur als Töne von fich gebend vor der Phantafie, 
fondern es wird zugleich ein affoziatives Zwifchenglied herangezogen : 
die Erinnerung an trauliches Plaudern im Familienkreife. Die Worte 
„freundlich ernfthaft“ dagegen find unmittelbar der Erweckung der 
befonderen feelifchen Stimmung gewidmet, die in die Phantafiean¬ 
fchauung der tönenden Wanduhr eingefühlt werden foil. 
Es verfteht fich von felbft, daß es zwifchen diefen drei Fällen 
allerhand Verbindungen und Übergänge gibt. Hierauf einzugehen, 
erfpare ich mir. Es fei nur noch bemerkt, daß die Dichtkunft ohne 
Zweifel dasjenige Gebiet ift, auf dem das Zwifchenglied der Em¬ 
pfindung im allgemeinen fich fchwächer und flüchtiger als auf irgend 
einem anderen Gebiete der Einfühlung entwickelt zeigt. 
14. Das Ergebnis der Erörterungen, die ich in diefem Kapitel 
und in den letzten Teilen des elften Kapitels über die Frage, wie es 
mit den Mittelgliedern in der äfthetifchen Einfühlung ftehe, gepflogen 
habe, läßt fich, wie folgt, zufammenfaffen. Das äfthetifche Einfühlen 
kann, auch wenn man von feinen matteren und läffigeren Äußerungen 
abfieht, nicht auf diefelbe Grundformel gebracht werden. Das Ziel 
ift überall das gleiche: Verfchmelzung der finnlichen Anfchauung mit 
Stimmung, Strebung, Affekt, Leidenfchaft, Die Wege dahin aber find 
verfchiedenartig. Das menfchliche Seelenleben bietet für das Zuftande- 
kommen diefer Verfchmelzung mehrere wefentlich verfchiedene Mög¬ 
lichkeiten dar. Diefe verfchiedenen Wege habe ich als leiblich ver-
        

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