Bauhaus-Universität Weimar

270 
Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
Unter¬ 
geordnete 
Bedeutung 
der 
Bewegungs¬ 
empfin¬ 
dungen. 
und Tatfachen im äfthetifchen Betrachten hinzuweifen, wo nur fchein- 
bar Nachahmung, in Wahrheit aber etwas ganz anderes vorliegt. 
Bei der Einfühlung in die Raumformen find es immerhin noch 
die Bewegungsempfindungen, die zu dem Mißverftändnis Anlaß geben 
können, daß Nachahmung die Grundlage des äfthetifchen Betrach- 
tens bilde. Viel ungünftiger fchon fteht es mit der Welt der Farben. 
Hier wäre es geradezu Widerfinn, wenn man die fymbolifchen Taft-, 
Temperatur- und anderen Empfindungen als nachahmend auffaffen 
wollte. Und ähnlich, fo wird es fich zeigen, verhält es fich mit den 
Tönen. Denkt man dann an die zahllofen Fälle affoziativer und 
unmittelbarer Einfühlung, fo find damit weitere Gebiete bezeichnet, 
wo für nachahmende Bewegung auch nicht einmal ein fcheinbarer 
Anhaltspunkt zu finden ift. Endlich aber fei nochmals daran er¬ 
innert, daß die Hauptfache in der Einfühlung nicht in den Anfätzen 
von Bewegungs- und anderen Empfindungen, fondem in der Gefühls¬ 
entfaltung befteht, die fich mit der Anfchauung verbindet, und daß 
es fo verkehrt wie möglich wäre, diefe fchöpferifche Verinnerlichung 
des Gefichts- oder Gehörseindruckes als Nachahmung aufzufaffen. 
So finden wir uns durch die Kritik der Nachahmungstheorie 
wiederum, wie fchon früher (S. 233, 265 f.) darauf hingewiefen, daß 
mit den (fei es reproduzierten, fei es wirklichen) Bewegungsempfin¬ 
dungen nicht entfernt die ganze Einfühlung geleiftet ift. Die Be¬ 
wegungsempfindungen würden, wenn fie für fich allein, ohne alle 
weiteren und höheren Gefühlsbetätigungen, mit den Gefichtswahr- 
nehmungen verfchmolzen würden, nur dies bedeuten, daß ich, 
indem ich mich leiblich in die Linien des Berges oder Gebäudes 
hineinverfetze, diefe Linien in ähnlicher Weife fich heben, ftürzen, 
dehnen u. dgl. fpüre, wie ich dies fonft an meinem Leibe empfinde. 
Wäre dies die ganze Einfühlung, fo wäre fie wahrhaft kümmerlicher 
Natur. Denn erftlich würden wir das Emporftreben, Sichfenken, 
Sichausweiten u. dgl. fchon als folches nur äußerft undeutlich und 
bruchftückweife fpüren. Sind doch die Bewegungsempfindungen, die 
wir angefichts eines Berges oder einer Säule haben, felbft im günftigften 
Fall nur ärmlich und zerriffen im Vergleich zu der Vollftändigkeit, 
mit der fie fich in uns vollziehen, wenn wir unteren Leib wirklich 
bewegen, indem wir klettern, heben, greifen u. f. w. Durch die Spuren 
getrieben. Der Verfaffer, der mit einer wahren Holzhackerpfycholpgie an die äfthe¬ 
tifchen Erfcheinungen herantritt, erdreiftet fich, der Äfthetik neue Bahnen weifen 
zu wollen.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.