Bauhaus-Universität Weimar

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Zweiter Abfchnitt: ßefchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
Eimühlung 
in bewegte 
unter- 
menfchliche 
Raum¬ 
formen. 
gefühl erfüllt zu fein, eine Art von Stimmungsfeele in fich zu bergen. 
Das Hinzutreten alfo der fymbolifchen Sinnesempfindungen zu der 
Farbenwahrnehmung ift fehr weit entfernt davon, die ganze Einfühlung 
oder auch nur die Hauptfache darin zu fein. 
6. Wenn ich jetzt zur Betrachtung der Symbolik der unter- 
menfchlichen Raumformen übergehe, fo kann ich mich nach der 
eingehenden Behandlung der Farbenfymbolik kürzer faffen. Wir 
wenden uns zunächft den bewegten oder als bewegt dargeftellten 
Raumformen zu. Hier ift, wie bei den Bewegungen der Menfchen- 
geftalt, den Bewegungsempfindungen ein breites Feld aufgetan. 
Hüpfende Bäche, fich wälzende Wogen, ftürzende Wafferfälle, 
eilende Wolken, niederfahrende Blitze, fich wiegende Grashalme, 
fiurmgepeitfchte Bäume, flatternde Haare und Gewänder: dies alles 
fordert uns zu Bewegungsempfindungen auf, fei es daß wir fie in 
reproduzierter oder in wirklicher Form vollziehen. Bald drückt fich 
in den wahrgenommenen Bewegungen wilde Wut, befinnungslofe 
Leidenfchaft, bald ftolze Kraft, mutiges Drängen, bald mutwilliger 
Scherz, neckendes Spiel aus. 
Für alle diefe Fälle nun ift es zweifellos von Vorteil, wenn die 
uns durch Natur oder Kunft gebotenen Bewegungen von uns durch 
entfprechende Bewegungsempfindungen oder deren Reproduktionen 
begleitet werden. Auch unbefeelten Dingen gegenüber regt fich in 
uns unwillkürlich ein folcher Drang. Hiermit ift ein erfter Anfang 
in der Befeelung der Bewegungen untermenfchlicher Dinge gemacht: 
es ift durch die Bewegungsempfindungen ihren Bewegungen etwas 
von menfchlicher Kraft gegeben, fie haben als Innenfeite ein menfchen- 
ähnliches Streben erhalten. Es kommt dann aber auch hier weiter 
darauf an, daß fich hieran die verwandten Stimmungen und Leiden- 
fchaften fchließen (wie ich deren einige vorhin zum Ausdruck ge¬ 
bracht habe). Vergegenwärtigen wir uns z. B. Gott-Vater, wie ihn 
Michelangelo wie Sturmwind dahinbraufend bei Erfchaffung der Welt 
und Adams dargeftellt hat. Auch fein wehendes, fich baufchendes 
Gewand erhält von unterer Einfühlung etwas von der koloffalen 
Willens- und Herrfchaftsbewegung, von der Gott-Vater erfüllt ift. Er¬ 
leichtert aber wird diefe Leidenfchaftsbefeelung durch die Bewegungs¬ 
empfindungen, mit denen wir in unwillkürlichem Nachahmen die 
Bewegungen des Mantels verfolgen. Auch hier findet alfo eine Um- 
fetzung der Bewegungsempfindungen in das Seelifche ftatt. Diefe 
Umfetzung verläuft allerdings etwas anders als in der Farbenfymbolik.
        

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