Bauhaus-Universität Weimar

Zwölftes Kapitel: Einfühlung, Affoziation, Verfchmelzung, Nachahmung. 255 
ftihlung beilegt. So obenhin und abftrakt aber verfährt die Ein¬ 
fühlung nicht. Sie vollzieht üch vielmehr fo, daß die eingefühlten 
Stimmungen u. f. w. die Seele der ihnen jeweilig ganz befonders ent- 
fprechenden Glieder und Teile des menfchlichen Leibes zu bilden 
fcheinen. So fcheint etwa rohe Begierde oder feine Zurückhaltung 
in den Bewegungen des Greifens und Nehmens, vornehme Herab- 
laffung oder freundliche Zutulichkeit in der Gebärde des Grüßens, 
bedächtiges Sinnen oder entfagende Wehmut in dem Nicken des 
Kopfes, Unwille oder Ekel in dem heftigen Sichwegwenden, Eleganz 
oder Schlendrian in der Art des Schreitens zu liegen. Das Auge 
erfcheint etwa hochmütig oder liebreich, die Nafe neugierig oder 
fehdeluftig, die Lippen gutmütig oder hart, die Stirn befchränkten 
oder freien Geiftes, das ganze Gefleht befcheiden oder frech, die 
Stimme ruhig oder leidenfchaftlich, das Lachen unfchuldig oder bos¬ 
haft. Man fleht: die Einfühlung legt geradezu den einzelnen Gliedern, 
Teilen, Bewegungen des Leibes nach ihrer Eigentümlichkeit eine 
eigentümliche Seele unter. Und je charakteriftifcher ein Glied oder 
eine Bewegung ift, um fo mehr erfcheint uns diefe oder jene be- 
fondere Seite des menfchlichen Leibes als von einer eigentümlichen 
Stimmung erfüllt. Wenn man die Arm- und Handftudien Dürers in 
der Wiener Albertina betrachtet, fo kann man deffen im höchften Grad 
innewerden, wie eigentümlich befeelt Hände und Arme zu uns fprechen 
können. 
Hier liegt unzweifelhafte Illufion vor, und Illufion bis zu ge- 
wiffem Grade auch für den naiven Menfchen. Denn aüch der Un- 
pfychologifche hat die dunkle Gewißheit, daß in den Beinen und 
ihrem Schreiten nicht Nachläffigkeit oder Peinlichkeit, in den Lippen 
nicht Sinnlichkeit oder Hochmut, in dem Auge nicht Liebe oder 
Keufchheit wohnt. Je höher freilich der Betrachter in Bildung und 
Überlegungsfähigkeit fteht, um fo mehr ift für ihn diefe Illufion der 
Befeeltheit der Glieder vorhanden. Der Ungebildete glaubt mehr 
einfach diefem Scheine, die Illufion ift daher für ihn, wenn überhaupt, 
fo nur dunkel und fpurweife vorhanden. Der nachdenkende Menfch 
dagegen kennt ienen Schein als Schein, zerftört ihn aber nicht, fon- 
dern gibt fleh ihm frei und genießend hin. Das heißt: der Schein 
der Befeeltheit der Glieder ift für ihn als Illufion vorhanden. Hiermit 
ftreife ich indeffen fchon an die prinzipielle Erörterung des Wefens 
der Illufion, die ich im fünfzehnten Kapitel geben will. 
Es ift klar, daß diefe Illufion der Befeeltheit der Glieder auch in
        

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