Bauhaus-Universität Weimar

Erlies Kapitel: Der Gegenftand der Äfthetik. Seine pfychologifche Natur. 9 
jektiven Scheines. Die Tiefeneindrücke in diefen Künften fallen in das 
Gebiet derjenigen Wahrnehmungen, die wir nicht einfach und fchlecht- 
weg haben, fondem die wir nur zu haben glauben. Wir brauchen 
nur das Auge nahe an das Gemälde oder die Radierung hinzuhalten, 
und wir überzeugen uns, daß wir eine bloße Fläche vor uns haben. 
6. Weiterhin wird ausführlich davon zu handeln fein, daß jeder Abhängig- 
äfthetifche Eindruck eine hochgefteigerte Betätigung des Beziehens ^l^hen 
und Verknüpfens zur Vorausfetzung hat. Das Allgemeinfte davon oegenitän- 
ift indeffen lehr leicht einzufehen. Denken wir an ein beliebiges ^Ihenden 
Gemälde: der künftlerifche Eindruck befteht ficherlich nicht bloß in Tätigkeit, 
dem, was wir empfinden; denn wir empfinden nicht mehr als das 
Nebeneinander der farbigen Tupfen und Striche. Soll daraus ein künft- 
lerifcher Eindruck werden, fo müffen wir, indem wir empfinden, zu¬ 
gleich mit unwillkürlichem Zufammenfaffen und Trennen, Betonen 
und Abgrenzen das empfundene farbige Nebeneinander als Dinge mit 
Teilen und Eigenfchaften auffaffen. Und nicht genug; wir müffen 
diefe Dinge, feien es nun Menfchen oder untermenfchliche Geftalten, 
außerdem noch wieder untereinander in Beziehungen fetzen. In jedem 
Gemälde fcheiden und vereinigen fich die dargeftellten Dinge nach 
größeren oder kleineren Gruppen; jede von diefen wieder hat in fich 
einen Mittelpunkt und untergeordnete Glieder, und auch in ihrem Ver¬ 
hältnis zueinander find die Gruppen nach Über-, Unter- und Neben¬ 
ordnung betont. Kurz jedes Gemälde fteht uns, indem es künftlerifch 
wirkt, als ein einheitlich gegliedertes Ganzes vor Augen. Erft diefes 
Gegliedertfein macht Raffaels Schule von Athen zu einem äfthetifchen 
Gegenftand. Wo aber hat diefe Gruppierung und Abfcheidung, diefe 
Über- und Unterordnung, diefe Betonung nach Mittelpunkt und 
Gliedern ihr Beftehen anders als in feelifchen Vorgängen, die zu 
dem Empfinden als folchem hinzutreten? Es wäre widerfinnig, zu 
fagen, daß die Empfindungsftticke oder etwa gar die materiellen Teile, 
aus denen die Schule von Athen befteht, fchon an fich felbft die 
künftlerifche Gruppierung, Scheidung, Über- und Unterordnung be- 
fitzen. So wird alfo die Schule von Athen, fo oft fie von zwei 
Augen aufgenommen wird, immer wieder erlt von neuem durch die 
beziehende Tätigkeit des jeweiligen Zufchauers als äfthetifcher Gegen¬ 
ftand hervorgebracht. Dies gilt natürlich von allen Werken der bil¬ 
denden Kunft. Hegel fagt einmal: ein Kunftwerk fei foweit entfernt 
davon, Stein, Holz oder Leinwand zu fein, daß es vielmehr Kunft¬ 
werk nur infofem fei, als es dem Boden des Geiltes angehöre, die
        

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