Bauhaus-Universität Weimar

Erftes Kapitel: Der Gegenftand der Äfthetik. Seine pfychologifche Natur. ^ 
Geftalten, Farben und Töne äfthetifche Gegenftände für das Bewußt¬ 
fein Gottes find. 
Doch wie es fich auch hiermit verhalten mag, jedenfalls darf 
eine metaphyfifche Hypothefe, der zufolge fich der äfthetifche Vor¬ 
gang zwifchen den transfubjektiven farbigen und tönenden Geftalten 
und dem Bewußtfein Gottes abfpielt, in den grundlegenden Betrach¬ 
tungen einer vom menfchlichen Standpunkt aus unternommenen Äfthetik 
beifeite geftellt werden. Vielleicht darf fich die Äfthetik in ihren 
fpäteren Teilen gewiffe metaphyfifche Ausblicke erlauben; dann mag 
auch eine Hypothefe, wie die eben erwähnte, in den Kreis der Er¬ 
wägung gezogen werden. Vorderhand aber ift es in der Ordnung, 
hiervon abzufehen. Sonach dürfen wir an dem Satze fefthalten, daß 
die äfthetifchen Gegenftände, foweit es fich nicht um Phantafie- 
geftalten handelt, nur auf dem Boden des finnlichen Wahr¬ 
nehmens ihr Beftehen haben. 
Schon hierdurch ift ein wefentlicher Unterfchied zwifchen dem 
Verfahren des Äfthetikers und dem des Naturforfchers gegeben. Wenn 
der Naturforfcher Räumliches, Farbiges, Tönendes unterfucht, fo will 
er damit immer die Geftaltungs- und Bewegungsverhältniffe der von 
unterem Wahrnehmen und unterem Bewußtfein überhaupt unabhängigen 
Wirklichkeit ermitteln. Seine Unterfuchungen find überall darauf ge¬ 
richtet, die Wahrnehmungseigenfchaften als folche hinter fich zu laffen 
und zu den ihnen zu Grunde liegenden Beziehungen der Wirklichkeit, 
foweit fie Beziehungen der Geftaltung und Bewegung find, vorzu¬ 
dringen. Der Naturforfcher will aus der Wahrnehmungswelt eine Welt 
transfubjektiver Größen- und Bewegungsverhältniffe gewinnen, der 
Äfthetiker dagegen bleibt, indem er die Gegenftände der Wahr¬ 
nehmungswelt unterfucht, in den Wahrnehmungseigenfchaften als 
folchen ftehen. Er hat es, wenn er von farbigen Geftalten und von 
der Bewegung der Töne handelt, darin immer nur mit Eindrücken 
zu fchaffen. Die optifche und akuftifche Welt des Phyfikers wird 
für den Äfthetiker niemals unmittelbares Unterfuchungsgebiet. 
5. Die Zugehörigkeit der Äfthetik zur Pfychologie ift hiermit 
noch lange nicht genügend bezeichnet. Ergänzend tritt zunächft die 
Überlegung hinzu, daß die äfthetifche Bedeutung aller Natur- und 
Kunftgeftalten auch von der fubjektiven Befchaffenheit des menfch¬ 
lichen Raum- und Zeitfinnes abhängt. Ich habe dabei nicht die 
Streitfrage im Auge, ob Raum und Zeit abgefehen von unterem Be¬ 
wußtfein noch etwas bedeuten oder nur fubjektive Geltung haben. 
Äfthetiker 
und Natur¬ 
forfcher. 
Abhängig¬ 
keit der 
äfthetifchen 
Gegen¬ 
ftände von 
Raum- und 
Zeitfinn.
        

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