Bauhaus-Universität Weimar

Elftes Kapitel: Die äfthetifche Einfühlung der eigentlichen Art. 227 
Aphrodite von Melos oder des fogenannten Meleager der volllebendige 
künftlerifche Eindruck immer oder auch nur öfter mit Hilfe wirklicher 
Bewegungsempfindungen zuftande? Ich glaube nicht, daß die Er¬ 
fahrung felbft bei künftlerifch erregbaren Menfchen für Groos fpricht. 
Und will denn Groos auch gegenüber den Eindrücken von Gehalten 
in Dichtungen feine Anficht aufrecht erhalten? Er ftellt feine Be¬ 
hauptung ganz allgemein auf als von dem hingegebenen äfthetifchen 
Genießen überhaupt geltend. Es müßte fich alfo auch beim Lefen 
oder Hören von dichterifchen Darftellungen fo verhalten, wie es Groos 
allgemein befchreibt. Ich weiß aber nicht, wie fich die Behauptung 
rechtfertigen ließe, daß wir die vom Dichter für die Phantafie dar- 
geftellten menfchlichen Bewegungsvorgänge oder Ruhezuftände ftets 
mit wirklichen Bewegungsempfindungen begleiten. Aber felbft die 
Bewegungsdarftellungen in der bildenden Kunft fcheinen mir mit 
aller Frifche und Innigkeit genoffen werden zu können, ohne daß 
fich wirkliche Bewegungsanfätze hinzugelellen. Sodann aber ift zu 
bedenken, daß, wie fich weiterhin zeigen wird, die Einfühlung in 
Farben und Töne in weitem Umfang überhaupt ohne die Beteiligung 
von Bewegungsempfindungen zuftande kommt; derart, daß felbft Re¬ 
produktionen folcher Empfindungen der Natur der Sache nach aus- 
gefchloffen find. Wie kann nun gar diefen weiten Gebieten gegen¬ 
über die von Groos ausgefprochene Anficht aufrecht erhalten werden, 
daß die „kräftige motorifche Veranlagung“ für alles äfthetifche Ge¬ 
nießen die Grundlage bilde? 
Es handelt fich bei dem Hinzutreten wirklicher, ja auch reprodu¬ 
zierter Bewegungsempfindungen um eine Erfcheinung, die in hohem 
Grade von der individuellen Anlage des einzelnen abhängig ift. Dies 
wird zwar auch von Groos und von Hirn, deffen Anfichten eine 
jenem nahe verwandte Richtung zeigen, zugeftanden.1) Trotzdem 
machen beide das Verhalten des ftark „motorifch“ angelegten Menfchen 
zum äfthetifchen Maßftabe und fprechen den Menfchen, an deren 
äfthetifchem Betrachten und Genießen Bewegungsempfindungen nur 
einen fchwachen Anteil haben, äfthetifche Vollgültigkeit ab. Hierin 
erblicke ich eine ungerechte Bevorzugung der „motorifch“ befonders 
empfänglichen Perfonen. Will man mit feiner Theorie den Tatfachen 
nicht Gewalt antun, fo darf man das von wirklichen Bewegungs¬ 
empfindungen begleitete künftlerifche Entzücken eines Menfchen nicht 
») Groos, a. a. O. S. 210 f. Yrjö Hirn, The origins of art, S. 77 f. 
15* 
Unterfchiede 
individueller 
Anlage.
        

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