Bauhaus-Universität Weimar

Zehntes Kapitel: Überficht über die gegenftändlichen äfthetifchen Gefühle. 211 
feine Lebens- und Weltanfchauung in den Geflalten des Kunftwerkes 
auszufprechen. Denn Lebens- und Weltanfchauung bringt der echte 
Künftler nicht durch Begriffe und nackte Gedanken, fondem in der 
Weife zum Ausdruck, daß die Stimmungs- und Gefühlswerte das 
Gedankenmäßige überwiegen und fo gleichfam in (ich aufnehmen. 
In folchen Weltanfchauungsfchöpfungen, wie ich die Kunftwerke 
diefer Art kurz nennen will, ift fo recht der Platz für die Entfaltung 
von Weltgefühlen. Und da ftehen wieder die Weltanfchauungsdich- 
t un gen in erfter Reihe: hier können die Weltgefühle nach Beftimmt- 
heit, Mannigfaltigkeit und Fülle fo wie fonft nirgends fich ausleben. 
Man vergegenwärtige lieh etwa die Pfalmen, die Chöre der griechifchen 
Tragiker, Dantes Göttliche Komödie, Klopltocks Oden, Goethes Hymnen 
und Fauft, Jean Pauls Hesperus oder Titan. Aber auch die Tonkunft 
fordert uns durch zahlreiche Werke zu wahren Fluten von Welt- 
ftimmungen auf. Man denke an Bachs Matthäus-Paffion oder Hohe 
Meffe, an Beethovens fiebente oder neunte Symphonie, an Brahms 
Requiem, an Bruckners D-moll-Symphonie, und man wird wiffen, was 
ich meine. Man erfieht hieraus die Wichtigkeit der Weltgefühle: ge¬ 
rade für die erhabenften, tieffinnigften, auf das geiftige Leben der 
Menfchheit die innerlichfte Wirkung ausübenden Kunftfchöpfungen ill 
diefe Art von Gefühlen von entfeheidender Bedeutung. 
Natürlich nehmen auch die teilnehmenden und zuftändlichen 
Gefühle einen entfprechenden Charakter an, wenn die gegenftändlichen 
Gefühle in diefer Weife ausgeweitet find. Die Gefühle der Teilnahme 
für Fauft find in Bezug auf menfchlichen Gehalt ungleich weiter und 
reicher als die der Teilnahme für Valentin oder Clavigo. Und das- 
felbe gilt von den zuftändlichen Gefühlen. Die tragifchen Erhebungen 
und Bedrückungen, die wir durch die erften Selbftgefpräche Faults 
erfahren, find durch und durch Weltgefühle, während beifpielsweife 
die tragifchen Gefühle, mit denen wir auf Clavigo oder auf Götz 
antworten, dies wenigftens zunächft und unmittelbar nicht find, fondem 
höchftens einen Anklang daran mit fich führen. 
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