Bauhaus-Universität Weimar

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Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
Die ge¬ 
wöhnliche 
Gefühlsre¬ 
produktion. 
Das Vor¬ 
ftellen kann 
nicht Ge¬ 
fühle als 
folche ver¬ 
gegen¬ 
wärtigen. 
wenn auch nur auf das Können gehende — Gefühlsgewißheit als den 
Kern der Gefühlsreproduktion vergegenwärtigt, wird das äfthetifche 
Verhalten der Gefahr entrückt, matt und leblos zu werden. 
12. Ift man denn aber auch wirklich genötigt, folch einen dunklen 
ßeftandteil in der Reproduktion der Gefühle anzunehmen? Kann man 
nicht auch ohne einen folchen auskommen? Es ift dies eine Frage, 
die nicht nur die innerhalb des äfthetifchen Verhaltens vorkommende, 
fondem jedwede Gefühlsreproduktion angeht. Ift es unumgänglich 
nötig, in der Reproduktion von Gefühlen ein über das bloße Vorftellen 
hinausgehendes Etwas anzuerkennen? Leiftet nicht fchon das bloße 
Vorftellen die gewünfchte Gefühlsreproduktion? 
Wie foil, fo muß man zur Antwort fragen, das bloße Vorftellen 
uns Gefühle vergegenwärtigen können? Das Vorftellen verfügt doch 
eben nur über Mittel des Vorftellens. Wie follen allein mit folchen 
Mitteln Gefühle, die doch fchlechtweg andersartig find, nach ihrer 
Eigentümlichkeit vor unter Bewußtfein gebracht werden? Es ift ver- 
ftändlich, daß unfer Vorftellen beliebige Wahrnehmungen zu vergegen¬ 
wärtigen vermag. Denn das Vorftellen fteht auf demfelben Boden 
wie das Wahmehmen. Da wie dort handelt es fich um das theoretifche, 
erkennende, intellektuelle, im allgemeinften Sinne vorftellende Bewußt¬ 
fein. So ift alfo alle Erinnerung an äußere Begebenheiten und Dinge 
frei von jener Schwierigkeit. Sich an die Außenwelt und ihre Vor¬ 
gänge erinnern, heißt ja nichts anderes als Wahrgenommenes vor- 
ftellend wiederzugeben. Ebenfowenig befteht eine Schwierigkeit für 
die Erinnerung an Vorftellungen, Erinnerungen, Phantafiegebilde, Be¬ 
griffe, Gedanken. Wenn ich mich erinnere, geftern beftimmte Vor¬ 
ftellungen, Erinnerungen, Phantafiegebilde, Begriffe, Gedanken gehabt 
zu haben, fo liegt der Fall wie vorhin: mit Mitteln des Vorftellens 
follen Vorgänge vergegenwärtigt werden, die wiederum nichts anderes 
als Vorftellungen im weiteften Sinne find. Und dies läßt fich ohne 
Schwierigkeit verliehen. Es ift daher auch ohne weiteres einzufehen, 
daß wir uns an die Vorftellungen, die den Inhalt der Gefühle bilden, 
zu erinnern im ftande find. Wie dagegen foil es möglich fein, daß 
das Gefühl felbft, diefes von allem Vorftellen grundverfchiedene Er¬ 
leben, in feiner Eigenart vom Vorftellen — fei es in getreuer Erinnerung, 
fei es in freier Umformung — vergegenwärtigt werde? Mit dem 
bloßen Vorftellen reicht man hier nicht aus. Die Gefühlsreproduktion 
bleibt unverftändlich, wenn nicht jene Gewißheit des Fühlenkönnens 
zu dem bloßen Vorftellen hinzugefügt wird.
        

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