Volltext: System der Ästhetik. Erster Band

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Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Ällhetik. 
leben laßen. Unbeftimmt gehaltene Gefühle vermögen das Gemüt 
des Lefers oder Hörers zuverläffiger in ihre Bahnen zu lenken als 
vollkommen individualißerte Geftihlsgänge. 
Es kommt aber noch auf manches andere an. Gehören, fo fragt 
es fich, die Gefühle dem Bereiche der gewöhnlichen, menfchlich nahe¬ 
liegenden Gefühle an? Und find es, fo fragt es fich weiter, Gefühle, 
deren Nacherleben in der Regel als erfreulich und wohltuend empfun¬ 
den wird? Gemäß dem erften Gefichtspunkte find Siegfrieds Gefühle 
bei Wagner günftiger geftellt als die Alberichs oder Mimes, die Ge¬ 
fühle der Goethefchen Iphigenie günftiger als etwa die der Frau vom 
Meere bei Ibfen. Gemäß dem zweiten Gefichtspunkte werden Rache, 
Neid, Verzweiflung, Bosheit fchwerer als wirkliche Gefühle im äftheti- 
fchen Verhalten erlebt, als fehnfüchtige, glaubensfrohe, andachtsvolle, 
mutige Stimmungen. 
Weiter ift zu erwägen, daß die Individualität des äfthetifchen 
Betrachters in hohem Grade maßgebend ift. Je nachdem er ein 
reiches, durch viele Erfahrungen hindurchgegangenes, bewegliches 
Innenleben, eine in vielen Melodien und Tonarten fpielende Menfch- 
lichkeit hat oder das Gegenteil von ihm gilt, wird es ihm leicht oder 
fchwer fallen, die mannigfaltigen gegenftändlichen Gefühle als wirk¬ 
liche Gefühle in fich zu erzeugen. Sodann kommt es natürlicher 
Weife dabei auch darauf an, ob er mit feinen individuellen Innen- 
erlebniffen in Gegenwart und unmittelbarer Vergangenheit den gegen¬ 
ftändlichen Gefühlen, die im Kunftwerke gerade Vorkommen, nahefteht 
oder nicht. 
Es ift dann auch daran zu denken, daß die gegenftändlichen 
Gefühle fich in manchen Kunftwerken — man halte fich nur die Ton¬ 
werke vor Augen — in überaus rafchem Wechfel befinden. Selbft 
für einen Menfchen mit beweglichem und vielgeftaltigem Gemütsleben 
ift es unmöglich, folchen rafchen Wechfel in Form von wirklichen 
Gefühlen in fich zu erleben. So folgt alfo auch fchon aus der Grenze 
der Leiftungsfähigkeit des Bewußtfeins, daß ein Teil der gegenftänd¬ 
lichen Gefühle in der Form von Gefühlsreproduktionen in uns ab¬ 
laufen muß. 
Endlich ift als befonders wichtig hervorzuheben, daß es auf den 
Grad des äfthetifchen Verhaltens ankommt. Bei flüchtigem, rafch hinweg¬ 
eilendem äfthetifchen Betrachten, bei gewöhnlicher Lefe- und Galerie- 
befuchsftimmung kommen natürlicher Weife wirkliche Gegenftands- 
gefühle feltener vor als in gefammelter, andächtiger, hingegebener
	        
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