Volltext: System der Ästhetik. Erster Band

Neuntes Kapitel : Stellung der gegenftändl. ätthetifchen Gefühle im Gefühlsbereiche. 197 
aber fie find dies in jener abgefchwächten Weife. Die äfthetifchen 
Zuftandsgefühle endlich find gleichfalls ausnahmslos wirkliche Gefühle; 
doch fehlt ihnen jene den beiden erften Gruppen eigentümliche fühl¬ 
bare Abfchwächung, wenn ihnen auch mit jenen beiden Gruppen ge¬ 
meintem ift, daß ihnen die Gewißheit vom Scheincharakter der Welt 
des Äfthetifchen anhaftet. 
Ich füge diefer Zufammenfaffung einen bisher noch nicht her¬ 
vorgehobenen Punkt hinzu. Die gegenftändlichen Gefühle erfahren 
noch von einer anderen Seite her eine Abfchwächung. Ich habe die 
projizierende Nebenvorftellung im Auge, die mit ihnen durchweg 
verknüpft ift. Indem wir zugleich mit den gegenftändlichen Gefühlen 
die Gewißheit haben, daß fie nicht uns, fondern den dargeftellten 
Perfonen angehören, findet ihnen gegenüber von Seite des Bewußt- 
feins nicht jenes Ernftnehmen ftatt, das den Gefühlen dann zu teil 
wird, wenn fie zu unterer eigenen Wirklichkeit gerechnet werden. 
Auch abgefehen alfo von der Gewißheit des Kunftfcheines und des 
äfthetifchen Scheincharakters überhaupt tritt fchon durch die Hinaus¬ 
verlegung der Gefühle eine abfchwächende Veränderung an ihnen ein. 
Im zwölften und fünfzehnten Kapitel wird im Zufammenhang mit der 
„Einfühlung“ von diefer Hinausverlegung der Gefühle und der damit 
gegebenen Illufion ausführlicher gehandelt werden. 
10. Was die Verbreitung der gegenftändlichen Gefühle der wirk¬ 
lichen Art betrifft, fo laffen fchon die von mir gebrachten Beifpiele 
erkennen, daß die gegenftändlichen Gefühle um fo leichter als wirk¬ 
liche Gefühle auftreten, je weniger fie fich auf beftimmte einzelne 
Perfonen und beftimmte Lagen beziehen. Handelt es fich um die 
Sehnfucht Julias nach Romeo, fo bleibt es leicht bei der bloßen Re¬ 
produktion von Liebesfehnfucht; ift dagegen in einem Liede über¬ 
haupt und unbeftimmt von Liebesfehnfucht die Rede, fo kommt es, 
befonders wenn noch der Gefang unterftützend hinzutritt, wahrfcheinlich 
zu einem wirklichen Warmwerden des Gemütes. Schildert Ottokar 
von Homeck in Grillparzers König Ottokar die öfterreichifchen Lande 
an der Donau oder Kaifer Rudolf in desfelben Dichters Bruderzwift 
die Stadt Prag, fo werden den in diefen Schilderungen ausgedrückten 
Gefühlen in der Seele der Zuhörer wahrfcheinlich nur Gefühlsrepro¬ 
duktionen entfprechen. Es müßte denn die Heimatliebe eines Wieners 
oder Pragers fich lebhaft einmifchen. Viel ficherer kann ein Gedicht, 
das mit ein paar ungefähren Strichen Wiefe, Fluß, Hügel bezeichnet, 
wirkliche Gefühle des Frühlings, des Scheidens, des Wiederfehens auf- 
Weitere Ab- 
(chwächung 
der gegen¬ 
ftändlichen 
Gefühle. 
Verbreitung 
der wirk¬ 
lichen Ge- 
genftands- 
gefühle.
	        
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