Bauhaus-Universität Weimar

142 
Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Äfthetik. 
Erftlich kommt der Fall in Betracht, wo es fich um noch nicht 
äithetifche Vorbedingungen für das äfthetifche Verhalten handelt. 
Gemeint find hiermit die Kenntniffe, die, fei es aus eigenem Befinnen 
oder aus Katalog, Kunftgefchichte u. dgl. herangezogen werden, um 
den äfthetifchen Gegenftand zu verliehen. Befonders wo uns in der 
bildenden Kunft gefchichtiiche, mythologifche, religiöfe Gegenftände 
dargeboten werden, wird das Heranziehen befonderer Kenntniffe nötig. 
Doch gibt es auch eine Menge von Dichtungen, zu deren Veritändnis 
fich felbll der Gebildete erft aus Anmerkungen, Erläuterungsfchriften 
u. dgl. befondere Kenntniffe verfchaffen muß. Man denke an die 
Edda, an Dante, an den zweiten Teil von Goethes Fault Ich nenne 
diefe erfte Art der affoziierten Vorltellungen die vorbedingenden 
Vorltellungen. 
Genau genommen muß, wenn diefe Fälle hierhergehören follen, 
folgende Bedingung erfüllt fein. Wenn uns eine Geburt oder Kreu¬ 
zigung Chrilli oder das Bildnis Luthers oder Bismarcks vorliegt, fo 
ill auch hier natürlich für das Veritändnis die Kenntnis der entfprechenden 
gefchichtlichen Vorausfetzungen unentbehrlich. Allein der gebildete 
Betrachter im Abendlande braucht diefe Kenntnis nicht ausdrücklich 
zu wiederholen; es kommt zu keiner eigentlichen Affoziation; es findet 
ein abgekürzter, Itellvertretender Vorgang ltatt: der Betrachter hat die 
gefühlsmäßige Gewißheit, die entfprechenden Kenntniffe zu befitzen 
und fie jederzeit wiederholen zu können. Diefe Erinnerungsgewißheit 
erfüllt uns beim Anblick der genannten Gegenftände derart ungetrennt 
von der finnlichen Wahrnehmung, daß hier von keiner Voritellung 
neben dem äfthetifchen Betrachten die Rede fein kann. Wenn uns 
dagegen Matejko irgend einen Gegenftand aus der polnifchen, Pradilla 
aus der fpanifchen Gefchichte vorführt, da muß auch der Gebildete 
fich Erläuterungen geben laffen. Hier find außeräfthetifche Affozia- 
tionen unerläßlich. Ähnlich in der Dichtkunft. Der philologifch Ge¬ 
bildete verlieht alle oder die meiften mythologifchen Anfpielungen 
Ovids ohne weiteres; d. h.: er bedarf keiner ausdrücklichen Affoziation; 
die Erinnerungsgewißheit tritt im Lefen ftellvertretend ein; der Fluß 
feines äfthetifchen Betrachtens gerät keinen Augenblick ins Stocken. 
Der philologifch nicht genug Gebildete dagegen muß oft durch 
Suchen und Nachfchlagen, alfo durch ein mühfeliges Zuftandebringen 
von Affoziationen, fich die nötigen Kenntniffe erwerben. 
Es wäre nun töricht, alle folche Kunftwerke zu verwerfen oder 
auch nur zu bemängeln, die an den gebildeten Betrachter die Auf-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.