Bauhaus-Universität Weimar

Sechfies Kapitel: Unterfchied der ällhetifchen von der gewöhnlichen Vorftellung. 139 
haften oder rührenden oder erfchüttemden Vorgang nach feinem Vor¬ 
her und Nachher auszumalen. Bei Defreggers Brautwerbung fallen 
uns die vorausgegangenen fchüchtemen Annäherungsverfuche der Ver¬ 
liebten, die zaghaften Erwartungen auf Seite des Mädchens, die angft- 
vollen Vorbereitungen auf Seite des Bauemburfchen, fodann die freudige 
Auflöfung der fpannungsvollen Lage nach vollzogener Werbung ein. 
Zu Defreggers Salontiroler dichtet lieh ohne Zweifel mancher Be- 
fchauer ganze Gefchichten, die das Benehmen und die Reden des 
vornehmen Herren und das Staunen und heimliche Lachen der Bauem- 
dimen und Burfchen zum Gegenftand haben. Etwas anders liegt die 
Sache bei gefchichtlichen und mythologifchen Bildern. Hier befteht 
für die Betrachter geradezu eine Nötigung zu den gleichen Vorftellungs- 
affoziationen. Man nehme etwa, um bei Defregger zu bleiben, Speck¬ 
bachers Aufruf oder Hofers letzten Gang. Ich fetze Betrachter vor¬ 
aus, die fich auf die entfprechenden gefchichtlichen Vorgänge erft in 
ausdrücklichen Vorftellungsakten befinnen müffen. Hier liegt alfo ein 
Ergänzen des äfthetifchen Verhaltens durch Affoziationen vor, die fich 
auf die gefchichtlichen Vorausfetzungen der dargeftellten Szenen be¬ 
ziehen. Nur find hier die Affoziationen nicht durch Belieben, fondem 
nach fachlicher Notwendigkeit mit dem äfthetifchen Gegenftand ver¬ 
knüpft. Das Gleiche gilt von den Affoziationen, mit denen der Be¬ 
trachter etwa die Darftellung des Rubens von der Befreiung der 
Andromeda durch Perfeus begleitet. Ganz lofe und zufällig dagegen 
find die Affoziationen, wenn jemand mit dem Anblick eines künftlerifch 
ausgeführten Landhaufes Vorftellungen des behaglichen Wohnens und 
ländlichen Treibens verknüpft. Auch die Tonkunft gibt häufig Anlaß 
zu folchen locker angereihten Vorftellungen. Es gibt Perfonen, für 
die nicht etwa nur die Programmmufik, fondern etwa auch Mozart oder 
Mendelsfohn einen unwiderftehlichen Antrieb bilden, in ihrer Phantafie 
Geftalten und Begebenheiten zu entwerfen, die in einem gewiffen 
Zufammenhang mit den mufikalifch ausgedrückten Stimmungen flehen. 
Aber auch gewiffe Dichter, befonders gedanken- und ftimmungsreiche, 
können ähnlich wirken. Die Ergießungen in Goethes Werther oder 
Fault, in Novalis Ofterdingen oder in Hauptmanns Verfunkener Glocke 
können die Phantafie derart in Bewegung fetzen, daß in ihr über 
die geforderten Bedeutungsvorftellungen hinaus gewiffermaßen ein 
Überfchuß von Bildern anklingt und auftaucht. 
5. Will man über den äfthetifchen Wert der affoziierten Vor¬ 
ftellungen zur Klarheit kommen, fo muß zunächft feftgehalten werden, 
Älthetifdier 
Wert der 
affoziierten
        

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