Bauhaus-Universität Weimar

Sechftes Kapitel: Unterfchied der äfthetifchen von der gewöhnlichen Vorftellung. 135 
wird: dergleichen gehört nicht zu der äfthetifchen Bedeutungsvor- 
ftellung angefichts von Eichen. Andere Merkmale dagegen drücken 
fich unmittelbar in der Geftalt der Eiche aus: z. B. daß fie mehr dem 
nördlichen Klima angehört, daß fie von dauerhaftem Holz ill, daß fie 
ein ftarkes Lichtbedürfnis befitzt, daß fie von den Völkern für ehr¬ 
würdig und heilig gehalten werden konnte. Beim äfthetifchen Be¬ 
trachten von Eichen kann daher dies und ähnliches mit der finnlichen 
Wahrnehmung verfchmolzen werden. 
Es tritt fonach hier wiederum zutage, daß das äfthetifche Ver¬ 
halten fich ganz in Anfchauung hineinlegt und mündet. Nur info¬ 
weit die feelifchen Funktionen zur Anfchauung hinftreben und fich ihr 
verähnlichen, find fie von äfthetifchem Belang. So kommen auch die 
Bedeutungsvorftellungen nur infoweit äfthetifch in Frage, als fie in der 
finnlichen Geftalt der äfthetifchen Gegenftände augenfcheinlich werden. 
Wenn wir z. B. in Rembrandts Zimmermannsfamilie die fäugende 
Maria betrachten, fo werden wir ficherlich weder an dit Zugehörigkeit 
des Menfchen zu den Säugetieren, noch an die Zufammenfetzung der 
menfchlichen Milch, noch an die Art ihrer Entftehung denken. Denn 
dies alles kommt in der Darftellung nicht im entfernteften zu finnlicher 
Andeutung, gefchweige denn, daß es feinen vollen finnlichen Ausdruck 
fände. Und ebenfowenig werden wir, wenn wir den arbeitenden 
Hausvater auf demfelben Bilde wahrnehmen, uns weder die verfchie- 
denen Aufgaben des Zimmermanns, noch den Nutzen, den er der 
menfchlichen Gefellfchaft leiftet, noch etwa die Holzarten, deren er 
befonders bedarf, vorftellen. Dies alles wären ftörende Nebenvor- 
ftellungen; denn in der Darftellung des Bildes ift nichts zu entdecken, 
was als Verkörperung von derlei Vorftellungen gelten könnte. 
Ganz anders verhält es fich, wenn das Betrachten nicht äfthe- 
tifcher Art ift, fondem anderen, etwa technifchen, wiffenfchaftlichen, 
eigennützigen Zwecken dient. Ein Ingenieur z. B. denkt beim Be¬ 
trachten einer Gegend an die leichteren und fchwierigeren Möglich¬ 
keiten, wie Tal und Hügel zum Führen des Schienenftranges benützt 
werden können, an Brücken,. Tunnel, Dämme, an die Koften. Alle 
diefe Vorftellungen über die technifche Verwendbarkeit der wahr¬ 
genommenen Täler und Abhänge gehören für den Ingenieur zur 
„Bedeutung“ der vor ihm liegenden Gegend. Und doch finden fie, 
wenn fie auch durch den finnlichen Eindruck der Gegend angeregt 
werden, keineswegs in ihr ihre finnliche Ausprägung Das Gleiche 
gilt, wenn etwa der Geologe fich angelichts einer Gegend die ihm
        

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