Bauhaus-Universität Weimar

Zweites Kapitel: Äfthetifcher Wert der verfchiedenen Sinne. 
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daß unter gewöhnlichen Bedingungen irgend etwas von der Verwick¬ 
lung unterer Leiblichkeit mit den herandringenden Reizen gefptirt 
würde. Wir fpüren beim Hören in der Ohrengegend fchlechtweg gar 
nichts. Fern von unterem Leibe, abgelöft von ihm kommt uns die 
Welt des Auges und des Ohres zur Erfcheinung. Ihr Entliehen kenn¬ 
zeichnet lieh für uns durch keinerlei Gefühl unmittelbaren leiblichen 
Bedrängtfeins. Es ill to, wie Schiller tagt: dem Auge und Ohr ill 
die andringende Materie hinweggewälzt von den Sinnen.1) 
Ganz anders beim Taften. Hier fpürt man die körperlichen Dinge 
und Vorgänge in unmittelbarem Hautgefühl. Fall noch gröber geht 
es im Schmecken zu: hier wird nicht nur das Zufammentreffen der 
Dinge mit unterer Leiblichkeit, fondem auch die Zerlegung und Auf- 
löfung, die den feilen Dingen in Berührung mit Teilen unteres Leibes 
widerfährt, unmittelbar getpürt. Aber auch wenn wir Dinge als kalt 
oder warm empfinden, fpüren wir die unmittelbare Berührung mit 
ihnen. Der Geruch dagegen nimmt eine mittlere Stellung ein. Die 
Düfte umfehweben uns, ohne daß wir unter Zufammentreffen mit 
den reizenden Stoffen fpüren. Aber fobald wir die Gerüche einziehen, 
einfehlürfen, verknüpft fich mit dem Riechen eine Taftempfindung: 
wir fpüren den in die Nafenlöcher eintretenden Luftftrom, der die 
reizenden Stoffe mit fich führt. Da wir nun bei den Wohlgerüchen 
uns fehr Läufig einfehlürfend verhalten, fcheint uns auch das Riechen 
überhaupt eine gewiffe fpürbare Stofflichkeit mit fich zu führen. 
Zufammenfaffend alto können wir tagen: bei Gefleht und Gehör 
geht das Empfinden ohne Spüren der Stofflichkeit vor fich; bei Ge- 
taft, Gefchmack, Temperaturfinn dagegen ift das Empfinden ftets zu¬ 
gleich Stofflichkeitsgefühl; der Geruch lieht in der Mitte. 
In dieter Vorzugsftellung, die dem Gefleht und Gehör durch das 
Fehlen der Leiblichkeits- oder was auf dasfelbe hinausläuft: Stofflich¬ 
keitsempfindungen zukommt, dürfte wohl der Hauptgrund dafür liegen, 
daß diefe beiden Sinne die eigentlich äfthetifchen Sinne find. Im 
Sehen und Hören rücken mir die Gegenftände nicht auf den Leib, 
verwickeln fich nicht mit meinen Leiblichkeitsempfindungen, geben 
fich mir nicht ftofflich zu fpüren. Daher kann fich auf dem Boden 
des Sehens und Hörens jene eigentümlich freie, fchwebende, begierde- 
lofe Stimmung entfalten, die, wie wir weiterhin fehen werden, für das 
äfthetifche Betrachten und Genießen unentbehrlich ift. Gefchmacks-, 
*) Schiller, Über die äfthetifche Erziehung des Menfchen. Im 26. Brief. 
Johannes Volkelt, Syftem der Äfthetik. I. Band. 7 
Was hieraus 
für den 
äfthetifchen 
Charakter 
diefer beiden 
Sinne folgt.
        

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