Bauhaus-Universität Weimar

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Zweiter Abfchnitt: Befchreibende Grundlegung der Älthetik. 
Erforder- 
niffe des 
äfthetifchen 
Wahr¬ 
nehmens. 
keit im Anfchluß an die Worte des Dichters geleiftet werden könne, 
und worin die Schranken und Mängel diefer Anfchaulichkeit liegen; 
ferner ob und inwieweit in der Dichtung von der Forderung der 
Phantafieanfchaulichkeit abgefehen werden könne, und worin in folchen 
Fällen etwa ein Erfatz für fie beftehe. 
Ohne Zweifel ift in der Äfthetik vielfach die äfthetifche Bedeutung 
der fprachlichen Seite der Dichtung unterfchätzt und das Wefen diefer 
Kunft einfeitig in das Innerliche gefetzt worden. So hat Bouterwek 
die Dichtung als die Kunft des inneren Sinnes, Weher als die Kunft 
der bloßen Phantafiefinnlichkeit bezeichnet. Ähnlich urteilt Hartmann.1) 
Es ift daher zu begrüßen, daß Theodor Meyer*) unternommen hat, 
die wefenhafte Bedeutung der Sprache für die Dichtkunft, insbefondere 
den von der fprachlichen Seite her durch und durch beftimmten 
Charakter der inneren Vorgänge, durch die wir Dichtungen auffaffen, 
mit ftarker Betonung darzulegen. Freilich ift er dabei auf einen ver¬ 
hängnisvollen Irrweg geraten, indem er die Phantafieanfchaulichkeit 
nicht als Aufgabe der Dichtkunft anerkennt. 
4. Die finnliche Wahrnehmung muß mehrere Bedingungen er¬ 
füllt zeigen, wenn fie Grundlage äfthetifchen Betrachtens fein foil. 
Schon ein kurzer Blick kann davon überzeugen. 
Das Wahrnehmen muß erftens von gefchärfter Aufmerkfam- 
keit begleitet fein, wenn üch darauf äfthetifches Genießen gründen 
foil. Flüchtiges Streifen mit dem Blick, oberflächliches Hinhören 
genügt nicht. Ebenfowenig ift jenes triviale Wahmehmen des gewöhn¬ 
lichen Menfchen, der nur das mit feinem perfönlichen Interelfe Ver¬ 
knüpfte und das Auffallende, Ungewohnte, Neue fieht und hört, der 
richtige Boden. Im äfthetifchen Verhalten gilt es die Merkmale des 
finnlich Dargebotenen, auch die feineren und verfteckteren, mit unter- 
fcheidendem Bewußtfein aufzunehmen. Äfthetifch wahmehmen heißt: 
zugleich wiffen, was man wahmimmt; das Wahrgenommene in feinen 
Teilen, Merkmalen, Unterfchieden kennen. 
Zweitens muß das Wahrnehmen von dem Gefühl finnlicher 
Frifche begleitet fein, es darf nicht an Ermüdung und Erfchöpfung 
leiden. Dies fällt nicht mit der erften Bedingung zufammen. Man 
kann üch flumpf und unempfänglich für genaues Sehen und Hören 
fühlen und dennoch üch zu aufmerkfamem Aufnehmen zwingen. Auch 
x) Bouterwek, Älthetik, Bd. 1, S. 256. — Friedrich Vischer, Älthetik, § 534 ff. 
— Hartmann, Philofophie des Schönen. Berlin 1887. S. 714 f. und fonlt. 
a) Theodor A. Meyer, Das Stilgefetz der Poeße. Leipzig 1901.
        

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