Bauhaus-Universität Weimar

Erlles Kapitel: Die älthetifche Wahrnehmungsgrundlage. 
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Der Wortleib ill indeffen nicht bloß zeichenhaftes äfthetifches Der wort- 
Außenwerk. Ihm kommt vielmehr auch ein hervorragender äflhetifcher 
Eigenwert zu. Dies ift noch in Betracht zu ziehen. Mit den Worten bare stim- 
verknüpfen lieh fortlaufend gewiffe Stimmungen, die in den gehörten 
Lautgruppen ihre organifche, naturgemäße Verkörperung finden. Man 
denke nur an den Rhythmus: durch ihn werden Gefühle des Leicht¬ 
beweglichen oder Schwerfälligen, des Haftenden oder Stockenden, des 
Tändelnden oder Würdevollen, gelölter Mannigfaltigkeit oder ftrenger 
Gefchloffenheit hervorgerufen. Und ähnliches gilt vom Reim, von 
dem Klang der Worte und Sätze, von dem Fallen, Steigen, Schweben 
der Stimme. Kurz, der Inbegriff deffen, was wir von einer Dichtung 
hören, bildet den naturgemäßen Leib zu einer Fülle von ftimmungs- 
mäßigen Regungen und Strebungen. 
Jetzt ift deutlicher geworden, wie lieh in der Dichtung Wort- 
und Phantafieleib zu einander verhalten. Einmal ift der Wortleib 
unmittelbare, naturgemäße Verkörperung von Stimmungen. In diefer 
Hinficht herrfcht in der fprachlichen Seite der Dichtung dasfelbe Ver¬ 
hältnis wie in den bildenden Künften oder in der Tonkunft. Befonders 
der Tonkunft lieht nach diefer Seite die Dichtung nahe. Was dort 
die in den Klangverbindungen fleh ausdrückende Gefühlswelt ift, das 
find hier die freilich in viel befcheidenerem Umfange und Grade auf¬ 
tretenden Stimmungen, die fich in Wortklang, Stimmfall, Rhythmus, 
Reim, Satz- und Strophenbau rein gehörsmäßig zum Ausdruck bringen. 
Hierzu gefeilt fich nun in der Dichtung die phantafieäfthetifche Welt. 
Sie erft gibt der Dichtung Sinn und Wert. Zwifchen beiden Seiten 
aber waltet das Verhältnis, daß die ftimmungserfüllte Wortgrundlage 
die zeichenmäßige Verünnlichung des finnvollen Gehaltes bildet, der 
feine nächfte Verleiblichung fchon an feiner Phantafieanschaulichkeit 
befrist. 
Um vollftändig zu fein, bemerke ich noch, daß es auch außer¬ 
halb der Kunft einen Fall gibt, wo in derfelben Weife wie in den 
Dichtungen eine Zufammenfetzung aus Phantafieäfthetifchem und 
Äfthetifchem der finnlichen Wahrnehmung ftattfindet. Diefer Fall tritt 
ftets ein, wenn wir die natürliche, ungezwungene, nicht unter den 
Begriff „Kunftwerk“ fallende Rede eines Menfchen äfthetifch auf uns 
wirken laffen. 
Genauer auf das Verhältnis der fprachlichen zu der innerlichen 
Seite der Dichtkunft einzugehen, ift hier nicht der Ort. Erft an viel 
fpäteren Stellen wird zu fragen fein, was mit der Phantafieanfchaulich-
        

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