Bauhaus-Universität Weimar

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Das Sittengesetz und die Individual - Gefühle. 
dehnung über eine grössere Verbreitungszone nothwendig hervorgebracliten 
Abschwächung der Gefühlsintensität ist es, was unseren höheren Ver¬ 
bandgefühlen diese oft so verfängliche Freiheit und Leichtigkeit giebt, 
vras sie im Kampf mit egoistischen Sonderinteressen oft so schwach er¬ 
scheinen lässt. Ja wir sind und bleiben ihnen gegenüber frei. Was 
uns die Kraft verleiht, den lockendsten Versuchungen des Egoismus er¬ 
folgreich zu widerstehen, das ist das tiefe, durch Nachahmung und 
Gewohnheit noch tiefer eingeprägte Gefühl unsrer nothwendigen Ver¬ 
bundenheit mit dem die Bedingungen unsrer Existenz in sich schliessen- 
den grösseren Ganzen. Je grösser und weiter der Verband, desto freier 
steht ihm das Individuum gegenüber, desto leichter entschlägt sich im 
Drange der Versuchung der Einzelne seiner Pflicht, desto strenger aber 
rächt sich die gebrochene Pflicht durch den Ernst der reuigen Gewissens¬ 
mahnung. Wer die Gesetze des Staates Übertritt , den stachelt die 
Furcht vor dem Arm der strafenden Gerechtigkeit, wer eine gesellschaft¬ 
liche (Standes-) Pflicht verletzte, den peinigt in noch höherem Grade die 
Furcht vor der Verachtung der Standesgenossen. Die allgemeinen 
Sittlichkeitspflichten stehen aber ausserdem noch unter dem wirksameren 
aller Individuen. Jeder Einzelne ist geneigt, sich zum Rächer der be¬ 
leidigten Menschheit aufzuwerfen. Und ausserdem fällt noch das ganze 
Schwergewicht der sämmtlichen Individualgefühle (Mitleid mit dem zu 
Beschädigenden, Scham, Furcht vor der Schande u. dergl. m.) in die 
Waagschale. Was das besagen will, zeigt uns in einem furchtbaren 
Beispiel der Massenmörder Thomas, dieses Scheusal, welches Hunderte 
von Menschen ohne Gewissensbisse einem sichern Tode weiht, aber den 
unmittelbaren Anblick des angerichteten Unheils nicht zu ertragen vermag. 
Unsere individuellen Gefühle stehen — das Ende an den 
Anfang knüpfend — mit den höchsten Geboten der Sittlichkeit 
im engsten lebensvollsten Zusammenhang. Das Individuum 
steht der Menschheit unmittelbar gegenüber ; indem es nun 
nicht mehr bloss Individuum, sondern auch Repräsentant der 
Menschheit ist. Dadurch erhält einerseits das Individualgefühl 
den Stempel höherer Sittlichkeit aufgeprägt, aus dem elemen¬ 
taren Gefühl des Mitleids wird die Pflicht der Barmherzigkeit, 
aus dem der Dankbarkeit die Dankespflicht u. s. w. Andrer¬ 
seits erhält eben hierdurch das allgemeine abstrakte Sitten¬ 
gesetz seine volle konkrete, individuelle Gefühlswärme, eine 
starke Beimischung individuell-persönlichen Gefühls. 
Und hier drängt sich uns wieder die Aprioritätsfrage 
gewaltsam auf. Sind wir wirklich noch berechtigt, die höhere
        

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