Bauhaus-Universität Weimar

Allgemeinheit des Gefühls. 
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ihr in Zweifel gezogen werden kann, so lebhaft drängt sich 
die Besorgniss auf, dass diese ganze Gefiihlsentwicklung in 
dem Masse, als sie über breitere Kreise sich ausdehnt, an 
innerer Kraft, Wärme und Lebendigkeit verlieren müsse, was 
sie an allgemeinerer Geltung so eben gewissermassen vermöge 
eines dialektischen Processes gewonnen hatte. Wenn wir nun 
auch im letzten Kapitel den obigen zerstreuenden, andere 
koncentrirende Momente entgegenzusetzen hatten, so käme 
hierdurch unser Hauptgefühl über das Schicksal einer mehr 
oder weniger günstigen Ideenassociation nicht hinaus; und 
wie mit der Liebe als dem wichtigsten und centralsten Ent¬ 
wicklungsprodukt, so müsste es dann mit unsrem gesammten 
Gefühlsleben überhaupt zu stehen scheinen, dass wir der jeweils 
stärksten Lust, bezw. Unlust, welche es nun immer sein möge, 
bedingungs- und widerstandslos hingegeben wären und dass 
es überhaupt unserer ganzen sogenannten Sittlichkeit an einem 
eigentlichen innern Halt, einem lebenskräftigen Rückgrat und 
Centralorgan zu fehlen scheine. 
Allein es hat ja wiederholt schon angedeutet werden 
müssen, dass die bisher erörterten Gefühlsentwicklungen, welche 
durchweg nur sich auf das Individuum bezogen, in dieser 
ihrer Vereinzelung weder voll zu verstehen, noch überhaupt 
einer selbstständigen Existenz fähig sind. Kein einziges der 
bisher von uns geschilderten Gefühle hat sich zu der von uns 
dar gestellten Weise lediglich individuell entwickelt, sondern 
jedes verdankt seine besondere Art und Weise, seine Ent¬ 
wicklungsform zum grossen Theile den gesellschaftlichen, 
organischen Verbänden, in welche das Individuum von allem 
Anfang an sich gestellt sieht und von welchen es bis zum 
letzten Athemzug bedingt und beherrscht bleibt. — Es giebt 
hier zwei Strömungen oder Entwicklungsformen zu unter¬ 
scheiden, als deren gemeinsames Produkt allein der Mensch, 
ganz verstanden werden kann: erstens die speciellere indi¬ 
viduelle, zweitens die allgemeiner kollektive, gesell-; 
Schaft liehe, erstere den speciellen Gefühlsanlässen (Reizen) 
folgend, letztere auf der gemeinschaftlichen historischen Kultur-
        

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