Bauhaus-Universität Weimar

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Grosse der Aufgabe. 
vielartige Uebereinanderbau der Mit- und Fremdgefühle , der 
Erwiederungs- und Liebesgeflihle. 
Was ist es nun, das nach solchem Reichthum der Ent¬ 
wicklung noch übrig geblieben sein sollte? Nicht mehr und 
nicht weniger, als das Beste, das Höchste, das Edelste, das¬ 
jenige, wTas uns, wenn auch nicht zum Menschen, so doch zum 
civilisirten Menschen, zum Mitgliede der Gesellschaft, zum 
Bürger einer Kulturwelt macht, w^as die zügellosen Massen zu 
ordentlichen Staatsbürgern, was die Heerde affenartiger Ge¬ 
schöpfe zum Volk, zur Nation erhebt. Und es ist abermals 
ein ritornar d’al segno, nur noch viel grossartiger und viel¬ 
stimmiger als zuvor. Es wird jetzt gleichsam mit allen 
Registern gespielt, unter die vielstimmigen Mixturen, die lieb¬ 
lichen Schalmeien und Flautos schmettert die Trompete, dröhnt 
das Prinzipal, saust der Bässe Grundgewalt. Alles, was die 
Menschenbrust Hohes und Heiliges, Erhabenes und Liebliches 
kennt und fühlt, hier kommt es erst zum vollen und wahren 
Ausdruck, nicht in kümmerlicher Vereinzelung, sondern im 
vollen Strom einer Harmonie, die sich nicht ausdenken, nicht 
ganz begreifen und erfassen, sondern nur noch gefühlvoll ahnen 
lässt. Wer das darzustellen vermöchte, wer es wagen dürfte, 
als Organist diese gewaltige Mechanik zu beherrschen, diese 
vielgliedrigen Manuale, diese wuchtigen Pedale zu regieren! 
Aber das ist unmöglich, es übersteigt die Kraft eines Einzelnen 
überhaupt und wird sie wohl zu allen Zeiten übersteigen, am 
Meisten heut zu Tage, wo in wahrhaft fruchtbarer Gefühls¬ 
analyse noch so wenig geleistet ist. Nur der einmüthigen 
Zusammenarbeit der besten, tüchtigsten Geister kann in Jahr¬ 
zehnten, vielleicht Jahrhunderten das Werk in einigermassen 
befriedigender Annäherung gelingen. Was wir hier geben, 
kann im glücklichsten Falle nur ein dürftiges Skelett sein. 
Wir haben am Schlüsse des vorigen Buches die all¬ 
gemeine Menschenliebe als letztes Produkt, gewissermassen als 
die schönste Blüthe einer nothwendigen Gefühlsentwicklung 
in natürlicher Weise hervorgehen gesehen. So wenig auch 
diese Entwicklung und der Zusammenhang der Humanität mit
        

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