Bauhaus-Universität Weimar

und des Hasses. Harmonie und Disharmonie. 
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Der Hass aber ist das Nichtzustandekommen oder die 
Diremtion dieses höheren Gefühlskomplexes , dieser edleren 
Organisation. Er ist und bleibt eine Negation, ein Unlust¬ 
zustand theils der Schwäche, theils der Ueberreizung, und er 
bleibt eben deshalb nothwendig verurtheilt, an seinem Quell¬ 
gefühl der Unlust in schädlicher Isolirung zu haften. 
Soweit diese Manchem vielleicht etwas zu künstlich scheinende 
Ableitung des Gefühlsgrundes der Liebe und des Hasses vom gemeinen 
Verständnisse abzuliegen scheint, so finden wir doch auch im gemeinen 
Sprachgebrauch und in der Auffassung des gewöhnliches Lebens deut¬ 
liche Spuren, welche die Dichtigkeit derselben in überraschender Weise 
bestätigen. Welches sind die gebräuchlichsten Synonyma für Liebe? 
es ist die Zuneigung, welche das Aufsuchen der Gemeinschaft 
die V e r e i n i g u n g, die S y m p a t h i e, welche Gefühlsgemeinschaft 
ausdrückt, und endlich Gefallen, d. h. gerade dasjenige Wort, welches 
hauptsächlich und in einem eigentümlichen technischen Sinne von den 
ästhetischen Gefühlen gebraucht wird. Und mit dieser letzteren Auf¬ 
fassung stimmt es gerade überein, wenn man so häufig von Harmonie 
und Disharmonie, von Harmonieen der Personen und Charaktere 
spricht, wo man eigentlich Nichts anders meint, als dass dieselben gegen 
einander Zuneigung oder Abneigung empfinden. Endlich bildet auch 
das noch eine gewichtige Analogie mit dem ästhetischen Getülil, dass 
gerade so wie Rhythmus, Symmetrie und Harmonie die theoretische 
Objektvorstellung steigert und bedingt, so auch die tiefere Personen- 
erkenntniss nur auf der Grundlage der höheren Gefühlssynthese des 
Selbst- und Mitgefühls einigermassen vollkommen zu Stande kommen 
kann. Der Hass macht blind und das Wohlwollen setzt uns allein in 
Stand, die Menschen und menschliche Verhältnisse klar aufzufassen und 
richtig zu erkennen. Zwar auch die Liebe blendet, doch gilt das nur 
von ihren leidenschaftlichsten einseitigsten Graden, die dann merkwürdiger 
Weise sich eben wieder häufig mit Gleichgiltigkeit und Abneigung gegen 
andere Menschen verbindet. Aber zu solchem Zerrbilde wie der Hass 
kann auch die thörichteste Liebe nicht gelangen. Auf diesen Punkt 
werden wir noch zurückzukommen haben. 
Die eben geschehene Erwähnung der neben der Liebe 
bestehenden Abneigung führt uns zu den wichtigen noch rück¬ 
ständigen Fragen. Wenn die Liebe wirklich die hohe, ideale 
Gefühlsentwicklung ist, als welche wir sie dargestellt haben, 
dann dürfte neben ihr der Alles beherrschenden Gefühlseinheit 
niemals Hass, Abneigung, Gleichgiltigkeit herrschen, dann dürfte
        

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