Bauhaus-Universität Weimar

Die Liebe ist ein hocborganisirter Gefiihlscomplex. 
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Die Liebe ist also nach Allem, was wir beigebracht 
haben, ein hoch organisirter Gefiihlscomplex. Alle 
von einer bestimmten Person mir kommenden Gefiihlserregungen 
gehen in diesen Complex ein und werden durch die Macht 
der abschleifenden und summirenden Gewohnheit auf ihren 
mittleren Durchschnitt zurückgeführt und auf eine höhere Ein¬ 
heit erhoben. Ob dieses einheitliche Gesammtresultat Zuneigung 
wird oder Gleichgiltigkeit oder offenbare Abneigung, hüllet 
einmal von der Weite des dann noch verbleibenden Kontrastes 
ab, — die Liebe muss trotz der Macht der Gewohnheit uns 
immer etwas Neues bleiben — so dann aber davon, dass in 
Folge der angenommenen dauernden Gefühlshaltung uns gerade 
dieses Neue ein notwendiges und unentbehrliches Bedürfniss 
geworden ist. 
Das wichtigste Erforderniss aber, das noch hinzukommen 
muss, um die habituellen Gefühlsmassen gewissermasen zu 
appercipiren und ihnen ihren dauernden Gesammtgefühls- 
charakter aufzuprägen, ist die Stärke des Gefühls Ver¬ 
mögens. Je stärker dieses Vermögen ist, d. h. je stärkere 
Beize und Reizmassen noch als Lust percipirt werden, je 
stärkere Kontraste noch im Wege der Gewöhnung assimilirt 
werden können, je frischer und lebendiger sich daher der ganze 
Verlauf des Gefühlslebens gestalten muss: um so einheitlicher 
und nach der Lustseite entschieden überwiegend vermag sich 
unser Mit- und Erwiederungsgefühl zu entwickeln, zu einer um 
so höher gearteten Gefühlssynthese vermag unser Gefühl 
gegen Personen sich zu steigern, zu einer um so innigeren 
Verschmelzung unserer Selbst- und unserer Mitgefühle ver¬ 
mögen wir uns aufzuschwingen, mit einem Wort, um so mehr 
werden wir zu voller warmer wahrer Liebe befähigt sein, 
während schwache, leicht überreizte Personen, die an Allem 
leicht Unlust und Schmerz empfinden, es naturgemäss nur zu 
einer unvollkommenen oder zu gar keiner Gefühlssynthese 
bringen und daher statt ihre Fremdgefühle in die Einheit des 
Selbstgefühls hinüber zu nehmen, sich in nur um so schrofferen 
Gegensatz zu den andern zu bringen wissen. 
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