Bauhaus-Universität Weimar

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Eben so wenig die Mangels - Theorie. 
Mangel auszufullen dient, während er das Gegentheil wirkte 
wenn er den vorhandenen Mangel steigert. Daher sehnen wir 
uns nach dem, was uns fehlt, und unsre Sehnsucht schlägt 
schnell in Ueberdruss um, sobald sie gesättigt ist. Diese 
Ansicht, in der Antisthenes, das Haupt der kynischen 
Schule, und Schopenhauer, der Begründer des modernen 
Pessimismus, so seltsam zusammen treffen, erkennt als 
wesentlich nur die Unlust an, während ihr die 
Lust nur ein Mangel an Unlust ist. Das aber müssen 
wir mit Entschiedenheit zurückweisen. Die Lust, das an¬ 
genehme Gefühl, ist nicht blos etwas Scheinbares, die Ab¬ 
wesenheit von Unlust, die Negation des Schmerzes, sondern 
unzweifelhaft ein positives Gut. Die blosse Negation des 
Schmerzes könnte es doch höchstens zur Gleichgiltigkeit 
bringen. Wie kämen wir denn aber zu dem in vielen Fällen 
z. B. des Wohlgeschmacks, der Wollust u. s. w. so über¬ 
zeugenden Schein der positiven Lust? Allerdings hat man 
sieh zum Beweise der Mangelstheorie von jeher darauf berufen, 
dass die Mittelzustände des scheinbar indifferenten Bewusst¬ 
seins, also Schmerzlosigkeit und Lustlosigkeit als Lust oder 
Unlust erscheinen, je nach dem sie auf Unlust oder Lust 
folgen. So ist es eine ganz bekannte Erfahrung, dass wenn 
ein heftiger Schmerz, der uns lange gequält hat, plötzlich 
nachlässt, wir ein merkliches Lustgefühl haben. Und ähnlich 
ist es auch auf psychischem Gebiet. Wenn ich mich jetzt 
in gleichgiltiger Stimmung befinde und mir nun eine grosse 
Gefahr oder schwere Sorge oder ein tiefer Verdruss nahe 
kommt, darauf aber, nachdem ich mich eine Weile den ent¬ 
sprechenden Unlustaflfekten hingegeben, plötzlich wieder völlig 
verschwindet, so kehrt allerdings nicht der frühere Zustand 
der Gleichgiltigkeit zurück. Man hat daraus ohne Weiteres 
auf die Phänomenalität der Lust geschlossen. Aber mit Un¬ 
recht. Denn eben so gut könnte man auch die Unlust für 
blos scheinbar erklären, denn eben so kann jener Mittelzustand 
der Gleichgiltigkeit, auf Lust folgend, als Unlust erscheinen. 
Daraus also, dass der Mittelzustand jetzt als Lust, jetzt als.
        

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