Bauhaus-Universität Weimar

Materieller Gefiihlsgehalt der Geselligkeit. 
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dem zwischen Bekanntschaft und Freundschaft wohl.ein 
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gradueller, aber kein qualitativer Unterschied obwaltet. 
Denn auch im Kreise unserer Bekannten giebt es Viele, mit 
denen uns recht warme Gefühle solcher Art verbinden. Eine Verkehr¬ 
beziehung mag so einseitig sein, als sie wolle, z. B. das regelmässige 
Kaufen der Prise Schnupftabak aus demselben Laden, das hindert nicht, 
dass sich auch in diesem engen Kanal ein Strom herzlichster Zuneigung 
ergösse. Freilich gehört dazu Zeit, Gewohnheit, Zusammenpassen der 
Charaktere, aber das ist bei jedem Verbältniss der Fall. Ebenso können 
unter unsren Spazier-, Bier- u. s. w. Bekanntschaften die allerherz¬ 
lichsten und freundschaftlichsten Gefühle obwalten und tlum es oft genug. 
In diesem weiteren Verkehrs- und Bekanntschaftskreise bildet nun der 
eigentliche Umgang (d. h. was sich gegenseitig besucht) eine engere 
Sphäre. Man ladet sich gegenseitig ein, man besucht sich mehr oder 
weniger ungenirt, tlieilt einander Erlebnisse und Familienereignisse mitr 
verabredet zusammen Partien u. dergl. Es ist schon offenbar ein mehr 
allgemeines und umfassenderes Verhältniss., ohne dass es deshalb schon 
nöthig wäre, dass das Gefühlsverhältniss in demselben Masse lebendiger 
und wärmer sei. Aber auch hier unterscheiden wir einen engeren unti 
einen weiteren Kreis. Jenen nennen wir schon unsre „guten Freunde.u 
Für den allerengsten Kreis, der nur aus wenigen bestehen kann, hat 
man die Bezeichnung „ Freunde “ reservirt. Man bezeichnet damit weit 
mehr als mit den „ guten Freunden,u d. li. ein besonders herzliches und 
inniges Umgangsverhältniss, ohne jedoch in die Schwärmereien von Orest 
und Pylades u. s. w. zu verfallen. 
Alles dies wird seine nähere und noch mehr innerliche 
Bestätigung finden, wenn wir uns jetzt zu dem wesentlichen 
Inhalt, zu dem inneren materiellen G e fü h 1 s g e h a 11 
der Geselligkeit und der geselligen Verhältnisse 
wenden. 
treibt ihn, die Gesellschaft Anderer aufzusuchen? Wenn man 
zur Vergleichung Thiere, die in Heerden leben, herbeizieht, 
so muss man auf den Gedanken Verfällen, dass. dem Einzelnen 
sein volles Selbstbewusstsein erst durch die Gesammtheit komme. 
Das einzelne Schaf kommt sich in seiner Vereinzelung offen¬ 
bar gar nicht als richtiges Schaf vor; es ist vollständig des- 
orientirt und konsternirt. Ganz ähnlich ist es mit dem Menschen 
auch. Der Einzelne ist unsicher, furchtsam, unselbstständig. 
Manche, Einzelne, genau genommen sehr wenige, werden 
im Verlaufe ihrer . Lebensentwicklung selbstständig. Aber sie 
Der Mensch ist ein geselliges Thier. Aber was
        

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