Bauhaus-Universität Weimar

Gefühlsform der Bekanntschaft : sie ist partial. 
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hiervon, eine wie grosse Rolle in unsren Gesellschaften die Klatscherei, 
Spottsucht, Médisance spielen mag, es wird doch — wenn auch oft nur 
in ganz roher, äusserlicher Weise — aut eine gewisse Respektabilität 
und Gleichartigkeit der Personen gehalten und eben dadurch bethätigt, 
dass der Umgang ein Verhältniss Gleicher zu Gleichen, gleichgestimmter, 
zu einander passender, einander vertragender, einander wohlgefallender 
Personen sein soll. 
Wenn wir alle diese Verhältnisse des Verkehrs und Um¬ 
ganges zunächst rein äusserlich und formal, d. h. nacli 
Quantität und Intensität der in ihnen sich betliätigenden sym¬ 
pathischen Gefühle betrachten, so springt zunächst die grosse 
Mannichfaltigkeit in die Augen, in welcher dieselben 
nach allen Richtungen und in allen möglichen Beziehungen 
sich gliedern, abstufen und schattiren. Es würde wohl kaum 
irgend einem Menschen — selbst nicht einem in völliger Zu¬ 
rückgezogenheit Lebenden — möglich sein, einen genauen 
Katalog aller seiner Umgangs-, Geselligkeits- und Verkehrs¬ 
verhältnisse mit genauer Angabe der in ihnen zum Ausdruck 
kommenden Gefühls weisen aufzustellen. Die Zahl der Per¬ 
sonen, mit denen jeder Mensch in irgend einer geselligen 
oder Verkehrsbeziehung steht, ist ungeheuer gross und mit 
jedem Einzelnen ist das Verhältnis sowohl nach der Art 
des Verkehrs als auch nach der Art und Innigkeit der 
zwischen ihnen obwaltenden Gefühle ein ganz anderes. Man 
hat seine Gruss-Bekanntschaften, Spazier - Liebsten, Bier'Ge¬ 
nossen, Kaffee- und Tliee-Kränzchen, wissenschaftliche Abende, 
Spielpartieen, Abfütterungen, Tanzgesellschaften u. dergl. m. 
Rechnet man hierzu die Leute, mit denen man geschäftlich in 
Berührung tritt, als Kaufleute, Handwerker, den Milchmann, 
die „grüne Frau,“ Briefträger, Nachtwächter u. s. w. u. s. w. 
so wird die Reihe lang und bunt genug. 
Allen diesen mannichfaltigen Verhältnissen ist nun das gemeinsam 
und wesentlich, dass jedes von ihnen nur eine Theilsphäre 
der Lebensbeziehungen für sich in Anspruch nimmt. 
Man holt sich vielleicht 30 Jahre hindurch jeden Tag aus demselben 
Laden, von demselben Verkäufer sein Loth Pariser und weiss von dem 
Manne vielleicht Nichts weiter, als was man eben hört und sieht. Ge¬ 
rade das ist für das Wesen der Bekanntschaft charakteristisch, dass sie
        

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