Bauhaus-Universität Weimar

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Analyse cier Bekanntschaft : Verkehr und Umoanc. 
Grunde liegende Gefühlsweise dieser Verhältnisse näher 
untersucht. 
Bekanntschaft drückt also zunächst das theoretische 
Kennen einer Person aus und, wie erwähnt, ist bereits dieses 
nicht ohne ein gewisses, wenn auch stark abgeblasstes Band 
der Sympathie und des Verbundenheitsgefühls möglich. Aber 
dieses Kennen reicht offenbar noch nicht aus, um Jemanden 
einen „Bekannten“ zu nennen. Es sind dazu noch zwei 
W 
weitere Momente erforderlich : Verkehr und U m g a n g. 
Verkehr nennt man zunächst jede äusserliehe Berührung mit 
andern Personen. Aber schon eine solche ist nicht ohne eine gewisse Sym¬ 
pathie , mit Personen, gegen die wir Abneigung fühlen, schränken wir 
den Verkehr möglichst ein oder brechen ihn völlig ab. Ein Verkehr 
wird, wenn er längere Zeit besteht, selten verfehlen, eine gewisse ge- 
müthliche Wärme anzunehmen, selbst wenn er in nichts weiterem be¬ 
steht, als dass man längere Zeit in demselben Bierlokale von demselben 
Kellner sein Seidel bekommt , oder aus demselben Cigarrenladen von 
demselben Verkäufer bedient wird. Wenn man dann eines Tages ein 
neues Gesicht zu sehen bekommt, fragt man unwillkürlich und mit 
dem Ausdruck des Vermissens: Wo ist Gutav? oder wo ist Herr 
Neumann ? 
Der Umgang ist schon weit mehr als der Verkehr; letzterer 
ist ein zufälliges Zusammentreffen. Denn als solches müssen wir 
mit Bezug auf unsren Gegenstand auch den geschäftlichen Verkehr be¬ 
trachten, in so fern sich aus demselben ein persönlicher Verkehr ent¬ 
wickelt. An sich ist ja der geschäftliche Verkehr kein zufälliger, sondern 
auf Vertrauen, Bcdürfniss u. s. w. beruhender, aber in Bezug auf die 
Erzeugung sympathischer Beziehungen muss man ihn so nennen, weil 
hierauf die Absicht der beiden Geschäftsparteien niemals gerichtet war. 
Anders beim Umgänge, der ein absichtliches, durch Wahl herbei¬ 
geführtes Zusammentreffen ist. Die Absicht dieser Vereinigung mehrerer 
Personen ist auf Unterhaltung, Gedankenaustausch, Vergnügen ge¬ 
richtet, d. h. lauter Gefühlsbethätigungen, die eine Gemeinschaft mehrerer 
Menschen und ein gewisses Mass von Sympathie zwischen ihnen voraus¬ 
setzen. Denn eine Unterhaltung macht bekanntlich nur dann und in 
dem Masse Vergnügen, als die Person, mit der wir sprechen, uns Achtung, 
Zuneigung, Wohlgefallen u. s. w. einflösst. Mit einem durch Reich- 
thum, Rang, Talent Höherstehenden, mit einer schönen Frau u. s. w. 
erscheint uns die gleichgiltigste, flachste Unterhaltung interessant, während 
mit einem wenig geachteten und uns wenig* wohlgefälligen Menschen 
das sonst interessanteste Gespräch nicht behagen will. Und abgesehen
        

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