Bauhaus-Universität Weimar

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1(3. Freundschaft, Bekanntschaft, Umgang, Verkehr. 
Von den geheiligten Banden der Eltern- und der Kindes¬ 
liebe, von der verzehrenden Gluth sinnlicher Leidenschaft, der 
ätherischen Flamme romantischer Jugendliebe, und dem zwar 
prosaischeren aber unendlich traulichen, behaglichen Kamin¬ 
feuer ehelichen Glückes, kommen wir jetzt in ungleich kühlere 
Kegionen, zu Gefühlsverhältnissen, die eben wegen dieser ihrer 
kühleren Beschaffenheit nicht von so unmittelbar eingreifender 
Wichtigkeit, nicht von so affektvoller und leidenschaftlicher 
Triebkraft sind wie die bisher erörterten Gefühlsverhältnisse, 
denselben aber an allgemeiner Bedeutsamkeit in ethischer, 
politischer, socialer und religiöser Beziehung nicht im Mindesten 
nachstehen. ^Was würde wohl aus der Welt werden oder be¬ 
reits geworden sein, wenn es keine andern Liebesbande als 
die bisher bezejchneten gäbe, wenn bloss die eignen und die 
Interessen der Familie Berücksichtigung erheischten und 
fänden, wenn zwischen den Familien nur Kaltsinn und schroffe 
Absonderung herrschte? Wie Alles vertrocknen und verarmen, 
in jämmerliche Einseitigkeit, Spiessbürgerthum und Philisterei 
erstarren und verbauern, in Nepotismus und Kliquenwesen 
"elend zu Grunde gehen müsste, liegt auf der Hand. Die Ge¬ 
schichte hat uns zum Ueberfluss in dem griechischen Hetärien- 
wesen ein unserem Idealbilde theilweise nahekommendes ab¬ 
schreckendes Beispiel auf bewahrt und Mommsens klassischer 
Griffel hat es jedem Gebildeten zugänglich gemacht. Christi 
erhabenes Gebot allgemeiner Menschenliebe ist miserai auf¬ 
geklärten und erleuchteten Zeitalter längst als eine altmodische, 
überdies unmögliche Idealsschwärmerei erschienen. Wir werden 
darauf noch zurückzukommen haben. An dieser Stelle soll 
nur darauf aufmerksam gemacht werden, dass es damit, dass 
Jeder nur sich und die Seinen liebt, erst recht nicht geht, 
dass Verkümmerung und Verderbniss das Loos der Mensch¬ 
heit sein müsste, wenn Jeder die Wärme seiner Sympathieen 
und Interessen statt in das grosse Ganze der Menschheit hin¬ 
ausstrahlen zu lassen, nur auf den engen Raum seiner Familien- 
laterne zu beschränken bedacht wäre.
        

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