Bauhaus-Universität Weimar

Untersuchungsmethode 
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ganz andern seelischen Zuständen oder Thätigkeiten zu thun 
haben. 
Auf welchem Wege nun und mit welchen Mitteln werden wir 
diese Frage zu lösen suchen? Ganz einfach durch Regress auf den 
nächst höheren Gattungsbegriff und Abgrenzung unsres Begriffs von 
seinen Seitenverwandten. Das nächst höhere Allgemeine ist in unserem 
Falle offenbar das Verhältniss der Geschlechter zu einander -, die Kollateral- 
bemffe sind: die Y er s tan desh eir a th und die sexuelle Be- 
gier d e. V on dein unnatürlichen Zwitterbegriff der s. g. platonischen 
Liebe sehen wir hier ganz ab. Was man im gewöhnlichen Leben so 
nennt, ist weder ganz Liebe noch auch ganz platonisch. Was allenfalls 
davon übrig bleibt , würde tlieils in die nicht hierher gehörige Freund¬ 
schaft, theils in die später kurz zu beleuchtende sexuelle Färbung ver¬ 
schiedener Verhältnisse gehören. Noch ein Wort hinsichtlich des Be¬ 
denkens, dass wir es bei der Liebe, der Verstandesheirath und der Ge¬ 
schlechtsbegierde, wie in letzterem Falle schon der Name andeutet, es 
nicht mit Gefühlen, sondern mit Begierden zu thun haben. Selbst¬ 
verständlich ist die Liebe so gut wie die genannten Kollateralbegriffe 
eine Begierde, oder drücken wir uns allgemeiner aus, ein Begehren. 
Aber nicht minder selbstverständlich (selbstverständlich wenigstens für 
uns), muss jedes Begehren in einem Gefühl seinen Ursprung haben und 
erst dann würden wir berechtigt sein, einen Seelenzustand ganz aus der 
Gefühlslehre heraus in die Willenslehre zu verweisen, wenn derselbe aut 
Seiten des Gefühls gar nichts Eigenthümliches darbieten sollte. Dies 
könnte bei der Geschlechtsbegierde und der Vernunftheirath der Fall 
sein, wenigstens scheint hierfür der Sprachgebrauch zu sprechen. 
Die Liebe aber wird so allgemein als Gefühl bezeichnet, dass daraus 
allein schon eine dringende Vermuthung erwächst , dass bei ihr gan& 
eigenartige Gefühlskomplikationen' in Wirksamkeit treten. 
Indern wir nun unsrem methodologischen Recept gemäss- 
daran gehen, die Liebe gegen die Yerstandesheirath 
und die Geschlechtsbegierde abzugrenzen, bemerken wir 
bald, dass das nicht so recht gehen will. Zwar auf den 
ersten Blick sieht die Sache ganz leicht aus. Wir nennen 
es eine „Heiratli aus Liebe“ wenn dabei keine solche Neben¬ 
rücksichten wie Geld, Ansehen u. dergl. massgebend gewesen 
sind, sondern lediglich die Person um ihrer Selbst 
willen begehrt wird. Das sieht nun leidlich präcis aus und 
dagegen grenzen sich die Konvenienzheirath, wo bloss nach 
Geld gefragt wird, oder wenn der junge Assessor oder
        

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