Bauhaus-Universität Weimar

Unterschied vom Wollusttrieb. 
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beim Menschen die innere Erfahrung“ unsres Bewusstseins nicht-die Spur. 
Aber auch dem blossen Wollust triebe, welcher zwar sicherlich eine 
grosse Rolle bei der Sache spielt , darf man eine übermässige und 
namentlich eine allein entscheidende Bedeutung nicht beilegen. Zum 
richtigen Verständniss aller mit dem Geschlechtsleben zusammenhängenden 
Verhältnisse ist es von grosser Wichtigkeit, sich daran zu erinnern, dass 
unser menschlicher Wollusttrieb ein schon mannichfach entstelltes und 
seiner ursprünglichen Quelle entfremdetes Kunstprodukt ist. Es ist — 
namentlich bei den Männern fast durchweg — eine durch die Begierde 
nach der genossenen oder vorgestellten Lust erzeugte Lüsternheit, 
eine Entartung der normalen Triebentwicklung. Um eine solche un¬ 
günstige Entwicklung hervorzurufen, ist es keineswegs nothwendig, 
dass eine wirkliche Wollustbefriedigung stattfindet, und nun die Er¬ 
innerung an die genossene Lust die Begierde nach ihrer häufigeren Er¬ 
neuerung zur Folge hat. Es genügt schon vollauf und ist fast noch 
gefährlicher, wenn, wie leider kaum zu vermeiden ist, die Phantasie der 
heranwachsenden Jugend mit sexuellen Bildern erfüllt und mit der 
Vorstellung sexueller Lust genährt wird. Dadurch kommt eine so 
fremdartige Entwicklung hinein, dass es äusserst schwer, !wo nicht un¬ 
möglich ist, sich eine normale, natürliche, d. h. von bewussten Vor¬ 
stellungen unabhängige Entwicklung des Gesclileclitstriebes beim Menschen 
vorzustellen. 
Das Thier, dessen Vorstellungsleben überhaupt weit weniger ent¬ 
wickelt ist und dein namentlich die Fähigkeit deutlicher Mittheilung, 
detaillirter Vorstellungen mangelt, ist ungleich keuscher als der Mensch. 
Nur beim Hunde, der durch seine hochentwickelte Spürkraft, so wie in 
Folge seiner, durch fortgesetzte Züchtung hochgesteigertenDressur ein 
ausgebreiteteres Vorstellungsvermögen besitzt, so wie bei dem in dieser 
wie in anderer Beziehung menschlicher gearteten Affen finden wir eine 
beständig rege sexuelle Lüsternheit und Geilheit. Bei allen übrigen 
Thieren sehen wir den Geschlechtstrieb nicht zum eigenartigen Wollust¬ 
trieb entwickelt, sondern als normalen Geschlechtstrieb durchaus in den 
Dienst der Fortpflanzung des Geschlechts gestellt. — Unter diesen Um¬ 
ständen ist es schwer zu sagen, was der durch die Vorstellungssphäre 
nicht verbildete Geschlechtstrieb von Natur sei und wohin er tendire. 
Nur bruchstückweise können wir einige Schlüsse darauf wagen: 1) aus 
der besonderen Art der zu Grunde liegenden Nervenerregung ; 2) aus 
den uns bekannten Stimmungen und Gefühlsweisen unverdorbener 
Jünglinge und Jungfrauen. 
Entsprechend dem Ner yenreicht hum der Geschlechts¬ 
organe, der Mächtigkeit der Centren dürfen wir mit Sicherheit 
annehmen, dass die sexuelle Erregung nicht nur in ihren
        

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