Bauhaus-Universität Weimar

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Erklärun^ssründe des Undanks. 
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Das ist eben die Wurzel des Undanks und darin müssen 
wir das wahre Wesen desselben erkennen, dass eine Los¬ 
sagung, eine Zerreissung des geknüpften oder eine Ablehnung 
des zu knüpfenden Liebesbandes zwischen dem Wohlthäter 
und dem Beschenkten eintritt, in ganz entsprechender Weise, 
wie wir es früher bei der Schadenfreude bemerkten. Wie 
diese Lossagung nicht immer aus purer Bosheit, sondern 
häufiger noch aus Schwäche und wegen überwiegender 
egoistischer Interessen geschieht, so sind noch mancherlei 
Milderungs- und selbst Rechtfertigungsgründe in Betracht zu 
ziehen, aus denen zugleich hervorgeht, dass ähnlich, wie die 
Schadenfreude, auch unsere Untugend aus einem Grunde ab¬ 
geleitet werden muss, der in dem innersten Wesen der mensch¬ 
lichen Natur wurzelt. 
Bekanntlich wird das Dankgefühl durch Nichts so schnell ab¬ 
gekühlt, als wenn der Wohlthäter seine Wohlthat prahlerisch auf bauscht 
oder dieselbe dem Beschenkten, wie man sagt, vorrückt, um seinen 
Dank einzukassiren. Ich glaube, die Dankbarkeit hält eher noch eine 
gewisse Portion nachfolgender Uebelthaten, als ein solches Pressen und 
Mahnen um Dank aus. Der Grund hiervon ist leicht zu verstehen. 
Ebenso, wie wir bereits sahen, dass der beste Witz seine ganze Wirkung 
verliert, wenn die Zumuthung, zu lachen, uns gar zu absichtlich gestellt 
wird, oder wie in der Liebe ein zu ungestümes Werben und zumal 
von Seiten des Weibes ein allzuschmelzendes Entgegenkommen die 
auf keimende Neigung erstickt, so gilt auch auf unserem Gebiet das 
Goetlie’sche „man merkt die Absicht und man wird verstimmt.“ 
Aber auch abgesehen hiervon giebt es Momente, welche die üble 
Aufnahme gut gemeinter Diensterweisungen höchst natürlich erscheinen 
lassen. Wohlthaten können leicht verletzen. Wenn ich mir z. B. bei¬ 
gehen lassen wollte, einem in Stand und Vermögen Gleichstehenden 
ein Geldgeschenk zu machen, so würde ich mir Statt des Dankes jeden¬ 
falls eine empfindliche Zurückweisung zuziehen. Es wird das als eine 
Beeinträchtigung unsres Selbstgefühls empfunden, die unsre Ehre em¬ 
pfindlich berührt. Dieses Auf bäumen des Selbstgefühls, das den Empfang 
einer Wohlthat als eine Unterordnung unter den Wohlthäter empfindet, 
zeigt sich mehr oder weniger oft bis zur Spur herabgemindert bei jedpr 
Wohlthat oder Gutes-Erweisung. Nur in der äussersten Noth der Ver¬ 
zweiflung wird die dargebotene Hilfe mit ungemischtem Dankgefühl 
angenommen. Sonst ist regelmässig das Erste, was in derartigen Fällen 
empfunden wird, ein 'mehr oder weniger leichter Anflug von Scham. 
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