Bauhaus-Universität Weimar

Antipathischer Undank insbesondere. 
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Zur Ehre der menschlichen Natur möchte man ja gerne annehmen, 
dass die letztere Kategorie gar nicht existirt, sondern aller Undank theils 
auf Schwäche, theils auf Kaltherzigkeit und Stumpfsinn zurückzuführen 
sei. Aber das geht eben so wenig an, als es anging, die Schadenfreude 
zu läugnen. Und wenn eine der drei Klassen des Undanks zweifelhaft 
ist, dann ist es gerade nicht die letzte, sondern die mittlere. Denn 
eine absolute Gleichgiltigkeit ist schon aus allgemeinen psychologischen 
Gründen wenig wahrscheinlich. Im Besondern aber wird man in 
jedem einzelnen Falle, wenn man ihn genauer untersucht, entweder 
schwache Dankbarkeitsgefühle, die aber durch andere stärkere 
Interessen überwogen werden, oder ebenso schwache antipathische Ge¬ 
fühle entdecken. 
Das Vorhandensein eines wirklichen antipathischen Un¬ 
dankgefühls ist aber durch unzweideutige Erfahrungen völlig 
sicher bezeugt. Fälle, in denen die an sich erwünschte Wohl- 
tliat zwar angenommen und benutzt, aber mit schlecht ver¬ 
hehlter oder offen ausgedrückter Feindseligkeit erwiedert wurde, 
hat wohl Jeder, wenn nicht selbst erlebt, so doch von Andern 
als selbst erlebt erzählen hören. Wenn z. B. verwundete 
Franzosen die sie erquickenden oder verbindenden preussischen 
Helfer und Aerzte, wie bisweilen geschehen, zu tödten ver¬ 
suchten, so gehört das allerdings hierher. Oder wenn der be¬ 
rühmte Baco von Verulam sich nicht nur dazu hergiebt, als 
Ankläger gegen seinen Woliltkäter Essex aufzutreten, sondern 
diesen Henkersdienst mit besonderem Eifer und ausgesuchter 
Gehässigkeit leistet (Weber Allg. Weltgeschichte XII. S. 264 f.), 
so wird man urtheilen müssen, dass hier zu dem niedrigen 
Undank der Schwäche und des Egoismus allerdings noch eine* 
starke Dosis wirklichen, echten schwarzen Undanks beigemischt 
worden. Man braucht aber nicht immer gleich an die 
extremsten Fälle wirklicher Verruchtheit zu denken. Dem 
eigentlichen Stamm oder Fruchtboden unsres Gefühls, aus dem 
es unter günstigen Umständen sich entwickeln und Blätter und 
Blüthen zu treiben vermag, begegnen wir schon häufiger. 
Wenn z. B. der Aermere, der eine Wohlthat empfing, sich über 
das Gefühl des Dankes mit der Erwägung hinweghilft, dass 
der Andere eben reicher sei und es könne, so liegt hierin 
schon eine ganz geflissentliche Abkehr vom Dankgefühl.
        

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