Bauhaus-Universität Weimar

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Intensität und Qualität der Gefühle. 
Unsre Gefühle — oder um uns ganz allgemein und 
völlig voraussetzungslos auszudrücken — unsere Empfindungen 
können nach zwei Richtungen durch Nervenreize beeinflusst 
oder variirt werden; sie erleiden einmal quantitativ mit 
der wachsenden oder abnehmenden Intensität des Reizes eine 
Steigerung oder Abnahme ihrer Intensität und sie er¬ 
halten zweitens qualitativ durch die verschiedene Form 
(Schwingungsfrequenz) der Reizwirkung eine verschiedene 
specifische Qualität, wie Farben, Töne u. s. w. Mit 
der letzteren, die unsren Empfindungen und Gefühlen die 
ungeheure Mannichfaltigkeit verleiht, die wir an ihnen kennen, 
haben wir es in dieser auf die einfachsten Grundlagen ge¬ 
richteten allgemeinen und vorgängigen Untersuchung nicht zu 
thun, weil dieselbe, wie die einfachste und allgemeinste Er¬ 
fahrung lehrt, auf das Vorkommen der Gefühle an 
sich ohne Einfluss ist. Denn alle Empfindungsqualitäten, 
Druck, Temperatur, Farben, Töne, Geschmack, Geruch u. s. w. 
sind oder können werden Quelle angenehmer oder unangenehmer 
Gefühle, und die Umstände, unter denen sie es werden, sind 
bei allen dieselben, nämlich die Intensitäts-Verhältnisse der 
veranlassenden Reize. Die verschiedene Qualität der Em¬ 
pfindungen bedingt eine entsprechende Qualitätsverschiedenheit 
der Gefühle, aber ob das so specifisch qualificirte Gefühl ein 
angenehmes oder unangenehmes wird, hängt allein von der 
Intensität des Reizes ab. Zwei scheinbare Ausnahmen von 
diesem Gesetze, die sich aber bei sorgfältigerer Untersuchung 
nur als nähere Bestimmungen desselben erweisen, sind hier zu 
erörtern. 
Die Geschmacks- und Geruchs-Empfindungen scheinen von Hause 
aus und blos durch ihre Qualität angenehm oder unangenehm 
zu sein, z. B. „Süss“ angenehm, „Bitter“ unangenehm. Allein Wundt 
(a. a. O. S. 435) weist mit Recht darauf hin, dass schon das Saure, je 
nach den Intensitätsgraden angenehm oder unangenehm wirkt, und dass 
auch das Süsse in höheren Intensitätsgraden widerlich, das Bittere in 
mässigen Graden angenehm wirkt. Nur in so fern bedingt die Qualitäts¬ 
verschiedenheit einen Unterschied, als manche Empfindungsqualitäten in 
niederen Intensitätsgraden als andere den Uebergang vom angenehmen 
zum unangenehmen Gefühl vollziehen. Dies wäre die erste nähere
        

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