Bauhaus-Universität Weimar

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Letzter Grundzug des Mitleids. 
Es wurde oben (S. 307) bereits bemerkt, dass das Mit¬ 
leid nicht zu den frühesten Gefühlsgebilden in der Entwick¬ 
lung des Kindes gehöre. Das ist unzweifelhaft richtig. Immer 
aber geht es in der Entwicklung der Schadenfreude vorauf. 
Auch in der Thierreihe tritt es früher auf. Beispiele von Mit¬ 
leid finden sich nicht selten bei Säugethieren und selbst bei 
Vögeln. Dasselbe Verhältnisse das sich in einem viel späteren 
Stadium in der Hinsicht auf Vertrauen und Misstrauen wieder¬ 
holte zeigt sich schon hier. Wie nicht das Misstrauen die 
natürliche Stimmung des unverdorbenen und unbefangenen Ge~ 
mitthes ist 7 sondern das Vertrauen, wie das Kind völlig arg¬ 
los, mit unbedingter Harmlosigkeit allen Menschen entgegen, 
kommt und häufig sogar noch im Jünglingsalter diese naive 
Vertrauensseligkeit in begeistertem Gefühlsüberschwang einer 
optimistischen Auffassung der Menschennatur noch einmal auf¬ 
schäumt, bis herbe, schmerzliche Erfahrungen und Enttäuschungen 
mit immer zahlreicheren Ausnahmen die optimistische Regel 
durchlöchert und Misstrauen und Zweifel als die bewährtere 
Lebensweisheit erscheinen lässt: einen ganz ähnlichen Weg 
schlägt auch in diesem viel früheren Stadium die Gefühls¬ 
entwicklung ein. Wir sehen ja, dass die gesammte Personen- 
erkenntniss überhaupt, dieses früheste Gebilde aller vorstellen¬ 
den Thätigkeit, darauf beruht, dass wir einen bestimmten 
Komplex von Gefühlen, einer gewissen Stimmung, ein Reflex¬ 
bild unsres hieran gleichzeitig zu grösserer Klarheit gelangen¬ 
den Ichs unterlegen. Daraus folgt nothwendig, dass ein Sicli- 
Gleichfühlen, ein Gleiches mit Gleichem Fühlen, eine Gefühls¬ 
und Interessen - Gemeinschaft — Alles das freilich nur erst 
ganz dunkel, instinktiv empfunden, den innersten und frühesten 
Kern unsrer Gefühls Verhältnisse zu dem fremden Ich bilden 
muss. Ebenso wie erkenntnisstheoretisch die Identität, wenn 
auch nur ganz dunkel, als Erinnerung des Gleichen empfunden, 
dem Gegensatz voraufgeht, so muss hier das Gefühl der Wesens¬ 
gleichheit, nicht als Vorstellung, sondern wirklich als gleiches 
Gefühl, als Sich gleich und verbunden fühlen, den frühesten 
Inhalt irgend eines Verhältnisses zu unsern Mitwesen bilden..
        

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