Bauhaus-Universität Weimar

Providentielles und Vorstellungs-Mitleid. 
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wir gleichermassen unterworfen sind, wie Krankheit, Alter, Tod em¬ 
pfindet man oft so wenig Theilnahme, und das sicherste, wo nicht einzige 
Mittel, die fehlende Theilnahme zu erwecken, ist dann die Vorhaltung: 
bedenke, wie bald Dich Gleiches treffen mag. Doch auf die Frage, ob 
und was noch zur Erinnerung und Voraussicht hinzukommen müsse, um 
wahres Mitleid zu schaffen, kommen wir noch zurück. 
Zu dem uns zunächst beschäftigenden Hauptgedanken 
zurückkehrend bemerken wir, dass das Mitgefühl durch 
die Voraussicht ebenso wie das per consensum zwar einer¬ 
seits mit dem gewöhnlichen Erinnerungs-Mitleid in noth wendigem 
und wesentlichem Zusammenhänge stellt, andrerseits aber doch so 
eigenthümliche und besonders gefärbte Modifikationen desselben 
bildet, dass wir uns doch für berechtigt halten, Beide als be¬ 
sondere Quellen des Mitgefühls neben der Erinnerung an¬ 
zuerkennen. 
Was nun die Erinnerung selbst, diese einfachste und all¬ 
gemeinste Quelle des Mitgefühls, anlangt, so ist, um dem eigentlichen 
Entwicklungsprocess des Mitgefühls näher zu treten, zunächst das Ver- 
hältniss der Gefühls-Vorstellung (Erinnerung) zum ursprünglichen Gefühl 
ins Auge zu fassen. An einer früheren Stelle (Thl. I. S. 319 f.) wurde 
bereits bemerkt, wie die Gefühle an sich schwer und unvollkommen 
reproducirt werden. Dies hat seinen Grund darin, dass nicht das Gefühl 
an sich, sondern das Gefühl mit der aus ihm folgenden Reaktion den 
eigentlichen Gegenstand und Stoff der Erinnerung bildet. Es ergeben 
sich hieraus zunächst in quantitativer Beziehung Abweichungen. Das 
Gefühl ist in der Erinnerung oder Vorstellung in der Regel schwächer, 
mehr abgeblasst als in der Wirklichkeit. Aber (und das ist ein merk¬ 
würdiger Vorgang, dessen Erklärung uns noch in der im folgenden Ab¬ 
schnitt zu behandelnden Lehre von der Gefühlsvorstellung zu beschäftigen 
haben wird) e-s kann in der Phantasie auch affektvoller, 
quälender, schrecklicher vor gestellt werden, als es in 
der Wirklichkeit ist. Es ist bekannt, dass die Furcht übertreibt 
und die Hoffnung schmeichelt, dass die Phantasie die Freude wonniger, 
das Leiden schrecklicher ausmalt, als es in Wirklichkeit ist. Unser Mit¬ 
gefühl ist nun Gefühlsvorstellung und wird als solche die fremde Lust 
und Unlust in der Regel schwächer und abgeblasst, unter Umständen 
aber auch phantastisch vergrössert und ausgemalt auffassen. Aber es 
unterscheidet sich von einer gewöhnlichen Gefühlsvorstellung in doppelter 
Weise, einmal dadurch, dass fremdes Leid in der Regel uns doch nicht 
so nahe geht als eignes, so dass ausser der quantitativen Herabminde¬ 
rung durch die Erinnerung noch ein zweiter Abzug zu machen ist,
        

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