Bauhaus-Universität Weimar

Objektive und subjektive Charakterzüge der Scham. 
281 
etwas Formelles, Unwesentliches sein. Denn so bald es sich 
um eine wirkliche Unsittliclikeit, um ein Vergehen handelt, 
sprechen wir nicht mehr eigentlich von Scham, sondern etwa 
von Reue, Furcht, Verzweiflung u. dergl. So schämt sich eine 
Frau, wenn sie durch ein ihr entladenes V ort odei einen 
Blick über die ihr zukommende Linie der Zurückhaltung hin¬ 
ausgegangen zu sein glaubt. Aber wenn sie in flagianti ei 
griffen oder wegen Kindesmord auf der Anklagebank sitzt, 
ist sie über das uns hier beschäftigende Gefühl bereits hinaus. 
Freilich kann sich auch der Verbrecher schämen. Aber wann 
geschieht das? Wenn er nach seiner Entlarvung zum ersten 
Male seinen Verwandten, Freunden, Bekannten begegnet. So 
ist es immer wieder das gesellschaftliche Verhältniss, 
die sociale Stellung, deren plötzliche Bediohung 
uns beunruhigt und verwirrt. Die Plötzlichkeit 
dieser Bedrohung bildet dann ein weiteres, wesentliches 
Charakteristikum, die Situation muss sich zu einer kleinen 
Katastrophe zuspitzen, das Ganze muss in dem Schema einei 
akuten Krankheit, nicht eines schleichenden Rebels odei eines 
stationären Zustandes verlaufen. 
Dem entsprechend sind auch die subjektiven Gefühls- 
erscheinungen. Die Scham ist ein Attekt, leiseie 
Regungen als Beschämung, Verlegenheit, Verschämt¬ 
heit, Schüchternheit, haben mit der Gefühlshöhe des 
Affekts zugleich auch die wesentlichen Eigenschaften des 
Schamgefühls eingebiisst. Nicht nur das ist der Scham 
wesentlich, dass sie mit den äusseren Zeichen des Affekts (Er- 
röthen) auftritt, sondern mehr noch die totale Eingenommen¬ 
heit der Seele und die völlige Verwirrung und Depression, 
in welche gerade dieser Affekt uns stürzt. Gerade dies ist 
ein für unser gesummtes Seelenleben nicht unwichtiger Um¬ 
stand. Derselbe hat aber seinen Grund in dem scharfen Kon¬ 
trast der hochgespannten Situation, welche uns eben überrascht, 
verwirrt und niederdrückt. Daher ist in einer peinlichen Situation 
schon viel, wo nicht Alles gewonnen, sobald man kaltblütig 
bleibt, sich seine Haltung (contenance) bewahrt.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.