Bauhaus-Universität Weimar

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Sexuelle Schain. 
ein zu Tage getretenes schmutziges oder zerrissenes Stück des Anzuges* 
oder die Scham über irgend eine uns anhaftende und an die Oeffent- 
lichkeit gekommene Lächerlichkeit hat mit dem Sexualleben sicherlich 
nicht den allergeringsten Zusammenhang. Die sexuelle Scham ist eine 
besondere, vielleicht die wichtigste, aber immer doch nur eine Art von 
Scham. Selbst das kann man bezweifeln, dass die Scham über 
Naturalien oder selbst die über Entblössungen des Körpers immer ganz 
und gar oder auch überwiegend sexueller Natur sei. Bei Verrichtung 
von Bedürfnissen, beim An- und Auskleiden u. s. w. werden empfind¬ 
samere Naturen (zumal ehe Abstumpfung durch Gewöhnung ein tritt) 
auch durch die Gegenwart von Personen desselben Geschlechts genirt. 
Merkwürdig ist der bedeutende Unterschied, der in Ansehung 
des sexuellen Schamgefühls zwischen dem Menschen und den ihm 
zunächststehenden Säugethieren besteht. Dem Menschen ist dieses Ge¬ 
fühl so sehr eigenthümlicli, dass selbst die rohesten Negerstämme auch 
im günstigsten, jedes Kleidungsbediirfniss ausschliessenden Klima unter 
einem schmalen Gurt oder Schurz, dem einzigen Kleidungsstück, das. 
sie kennen, die partie honteuse verbergen. Dagegen kein Thier, selbst 
der menschenähnlichste Affe nicht, zeigt eine Spur von sexuellem Scham¬ 
gefühl, obwohl sich bei ihnen Beispiele andrer Arten von Scham¬ 
gefühlen finden. So schämt sich ein Hund, dem Kinder eine Jacke 
oder Haube umthuen, dieses ungewohnten Schmuckes, der Löwe, wenn 
ihm ein Sprung misslang, seines Misserfolges; und ich erinnere mich 
aus meiner Jugendzeit sehr deutlich, dass unser Stubenhund, als er von 
andern Hunden einmal mit Bissen übel zugerichtet worden, sich schämte, 
in diesem traurigen Zustande in unser Haus zurückzukehren. — Die 
sexuelle Scham fehlt ferner gänzlich den Kindern. Der Regel nach 
beginnt sie sich zu entwickeln erst zur Zeit der beginnenden Pubertäts- 
Entwicklung. Doch können Erziehung, Gewohnheit und vielleicht auch 
Vererbung bedeutende Abweichungen nach beiden Seiten hervorbringen. 
Man könnte sieh nun versucht fühlen, aus dem Um¬ 
stande, dass den Thieren die sexuelle Scham fehlt und dass 
sie beim Menschen erst zur Zeit der volleren Bewusstseins¬ 
entwicklung hervortritt, die Folgerung* abzuleiten, dass dieses 
Gefühl eine Folgeerscheinung des Selbstgefühls, der höheren 
Bewusstseinsentwicklung sei. Und die Erzählung der Genesis 
(3, 7) würde hierzu einen artigen Beitrag bilden. Dennoch 
ist hieran gar nicht zu denken. Die Priorität des Selbst¬ 
gefühles vor der Scham würde, wenn sie erwiesen wäre, 
zur Erklärung des merkwürdigen Verhältnisses nicht das 
Mindeste beitragen. Denn wenn die Scham weiter nichts
        

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