Bauhaus-Universität Weimar

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Die Materie des Denkens. 
Reproduktion — ein solches unlebendiges Gedächtnisswerk ist 
immer nur von beschränktem Werth — sondern um eine denkende 
Wiede r erzen g ung und Wieder aneign ung des bereits früher 
Gedachten und Gewussten. Der alte Besitz ist eben nicht wie eine 
Summe von Thalern, die beliebig ausgegeben werden können, sondern 
wie Barren, die erst in gangbare Münze ausgeprägt wer den 
müssen. Als todter Besitz ist er keinen Pfifferling werth, wirklich 
geistiges Eigenthum, innerer Reichthum wird er erst dadurch, dass 
er zur Erzeugung immer neuer Gedankenreihen und Gedanken - Kom¬ 
binationen verwerthet werden kann und dass er für eine möglichst 
grosse Zahl von Bedarfsfällen die geeigneten Mittel zur Abhülfe an die 
Hand giebt. 
Wenn wir unsre beiden Gefiihlsarten, das Denk-An¬ 
strengungs-Gefühl und das Wahrheit«-Gefühl, materielle 
Denk ge fühle genannt haben, so liegt die Frage nahe, 
worin denn eigentlich das Materielle derselben 
bestehe oder in wie weit sie die Materie, den In¬ 
halt des Denkens betreffen. In so fern das eine dieser 
Gefühle lediglich als Innervationsgefühl, das andere als Erfolgs¬ 
affekt zu bezeichnen wäre, würden doch auch sie anscheinend 
als formale anzusehen bleiben; und es wäre nicht abzusehen, 
wie in der angegebenen Ableitung ein materielles Moment ge¬ 
funden werden könnte. 
Für die richtige Anwendung der Kategorieen Form und 
Materie auf die intellektuellen Gefühle kommt aber dasjenige 
in Betracht, was wir an einer früheren Stelle (Thl. IL l.S. 94) 
hierüber gesagt haben, dass nämlich die Einheit und 
Identität die Form, die Kausalität aber die Materie 
des Denkens bilde. Da springt denn die völlige Ab¬ 
hängigkeit der Begreiflichkeits-, Evidenz-, Witz- und Scharf¬ 
sinns-Gefühle von der Einheit und somit die Berechtigung, sie 
als intellektuelle Formal-Gefühle zu bezeichnen, sofort in die 
Augen. Aber auch die materiale Natur der Denkanstrengungs¬ 
und Erkenntniss-Gefühle zeigt sich alsbald mit voller Evidenz. 
Denn, wenn es irgend richtig ist, dass die Materie des Denkens 
in der Kausalität besteht, und dass letztere sich ursprünglich 
ganz und gar auf die willkürliche Innervation als die einzige 
Art von absichtlicher Gefühlsreaktion bezieht, so wird dasjenige
        

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