Bauhaus-Universität Weimar

Der Unlustgelialt des Komischen. 
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man sich denken kann. Auch in zahlreichen anderen Fällen des Komischen 
wird man sich vergeblich nach einem Unlustgefühl umsehen. Nehmen 
wir z. B. eine Anekdote, wie es deren so viele giebt. „Was für ein 
Landsmann ?“ fragt Friedrich Wilhelm I. einen Kandidaten. „Ein 
Berliner, Majestät.“ „Hm ! taugen Nichts die Berliner.“ „Im Allgemeinen 
wohl, doch es giebt Ausnahmen, ich kenne deren zwei.“ „So und die 
wären?“ „Euer Majestät und ich.“ 
In zahlreichen Fällen ist allerdings ein Unlust¬ 
gefühl nachzuweisen, z.B. in jenen Fällen derNaivetät, wo eine 
uns in Fleisch und Blut übergegangene Anstandsregel verletzt wird, 
etwa, wenn ein Kind einen Gast fragt, ob er nicht bald fortgehe u. dergl. 
Aber hier ist das Unlustgefühl nicht nur kein wesent¬ 
liches Moment, sondern im Gegentheil eher ein Hinderniss 
des komischenEffektes, der nicht vermöge, sondern trotz des¬ 
selben zu Stande kommt. Es ist daher auch keineswegs genügend, 
wenn das Unlustgefühl und das Lustgefühl sich die Wage halten, in 
diesem Falle wird offenbar kein komischer Effekt erzielt. Vielmehr 
muss die Unlust gegen die Lust bis zum Verschwinden 
unbedeutend sein. Jedes stärkere peinliche und unangenehme Ge¬ 
fühl beeinträchtigt nach Massgabe seines Unlustgehalts den komischen 
Effekt. Und oft genug bemerken wir, dass eine Geschichte, die an sich 
ganz komisch wäre, an Komik verliert dadurch, dass das beigemischte 
Unlustgefühl zu stark ist, obgleich es an sich noch kein sehr starkes zu 
sein braucht. Dies zeigt sich an folgendem Beispiel mit Evidenz. Ein 
renommirender und tobender Betrunkener fällt in eine seichte Schmutz¬ 
oder Wasserpfütze. Das ist vollständig komisch, das unangenehme Ge¬ 
fühl ist verschwindend schwach und durch die Genugthuung über die 
schleunige Bestrafung der Frechheit und Unmässigkeit völlig und mit 
einem starken Ueberschuss an Lust zurückgedrängt. Aber steigern 
wir das Unlustgefühl, setzen wir an die Stelle der weichen Pfütze 
das harte Steinpflaster, so ist die Sache schon weniger komisch. Während 
im vorigen Falle jeder der Zuschauer ohne Ausnahme lacht, machen 
sich in diesem schon Ausrufe und Bewegungen von Angst und Mitleid 
geltend und nur derbere, rohere Gemüther können jetzt noch lachen. 
Erst wenn wir sehen, dass der Trunkenbold sich nicht beschädigte (Be¬ 
trunkene haben Glück) und indem wir erwägen, wie sehr er selbst eine 
etwas kräftigere Lektion verdiente, vermögen wir wieder zu lachen. 
Setzen wir nun, dass der Gefallene am Boden liegen bleibt, sein Gesicht 
sich mit Blut bedeckt, so vergeht den Meisten das Lachen, auch wenn 
die Verletzung nicht bedeutend, Allen ohne Ausnahme aber, wenn sie 
irgend bedeutender war. Eigentlich müsste doch nach dem Hecker’sehen 
Recept hier erst das Komische anfangen. Denn hier erst fangen Lust 
und Unlust an, sich die Wage zu halten. Ein Mensch von solcher sitt-
        

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