Bauhaus-Universität Weimar

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Entwicklung der objective«. Erkenntniss. 
zwischen unsren Empfindungen und der äusseren Reizbewegung. Eine 
solche ist erst gegeben durch die Specialisirung. Diese ist deppeiter 
oder eigentlich dreifacher Art, sie besteht in der Herstellung ver¬ 
schiedener Qualitäten und Intensitäten in kontinuirlichen Abstufungen 
und in der Vervielfachung derselben Empfindung durch gleich empfindende 
Sinnglieder oder Sinnesflächen. Gerade dieses letztere Moment, vermöge 
dessen wir die gleiche Empfindung von mehr als einer Stelle erhalten, 
ist für die Objektivirung höchst wichtig oder vielmehr das hauptsäch¬ 
lichste Fundament derselben. Nun ist aber klar, dass sowohl die Em¬ 
pfindung gleicher Eindrücke als gleicher wie auch die Einordnung ver¬ 
schiedener in eine kontinuirliche Intensitäts- oder Qualitäts-Skala nur 
dadurch möglich ist, dass alle unsre Einzelempfindungen Theile desselben 
Ganzen sind, dass sie als Zweige oder Glieder aus demselben Stamme 
des Total - Empfindens hervorgewachsen sind. Ohne diesen mächtigen, 
den Sonderungstrieb weit überwiegenden Zusammenhang könnte keine 
Erkenntniss zu Stande kommen, ja ohne ihn hätten die immer selbst¬ 
ständiger sich besondernden Sinnglieder schliesslich zu besonderen 
Thieren werden müssen. 
Zugleich aber erhellt aus dem Gesagten, dass das feste Band 
zwischen unsren Empfindungen und der Aussenwelt durchaus nur im 
Fortgänge derselben Entwicklung sich herstellt. Es ist nur der weitere 
Fortschritt dieser Specialisirung, wenn die Sonder-Empfindungen immer 
mehr und mehr einen bestimmten, einer bestimmten Art des äusseren 
Reizes angepassten und ihr entsprechenden Charakter annehmen. Aber 
ohne den erwähnten innigen Zusammenhang der Sonder-Empfindung mit 
der Total - Empfindung, ohne die Konstanz des Ganzen, aus dem die 
Theile durch Entwicklung hervorgegangen, wäre es nimmermehr zu be¬ 
greifen , wie letztere unter sich und zu den äusseren Reizen feste, 
konstante Verhältnisse sollten eingegangen sein können. 
Aus den Total - Empfindungen des Gesammt-Organismus w erden 
so im Wege fortgehender Besonderung specielle Gefühle, w ie solche den 
verschiedenen Gemein-Gefühlen und den Empfindungen der beiden untern 
Sinne angehören. Bei den oberen Sinnen bildet sich durch fortgesetzte 
Verfeinerung, allseitige Ausbildung und häufigeren Gebrauch jenes 
Zwiefache aus: dass für jede Verschiedenheit des äusseren Reizes eine 
verschiedene Empfindung vorhanden ist (kontinuirliche Intensitäts- und 
Qualitäts - Skala) und zw eitens, dass bestimmten äusseren Reizen stets 
dieselbe bestimmte Empfindung entspricht (Konstanz). Beides zu¬ 
sammen macht die Empfindungen der oberen Sinne im Gegensätze zu 
denen der unteren, welche überwiegend Lust - Unlust - Gefühle sind und 
auf den einzelnen vorliegenden Fall (Veilchengeruch, Honiggeschmack) 
beschränkt bleiben, zu objektiven und allgemeingiltigen Abbildern der 
Aussenwelt, welche Eigenschaft wir an einer früheren Stelle mit dem
        

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