Bauhaus-Universität Weimar

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Y erbleichender Rückblick. 
Die mimische Bewegung, der wir bei der Sprache wiederholt als 
wichtigem Erklärungsprincip begegnet sind, ist ebenso wenig wie die 
übrigen ästhetischen Gefühlsarten ein müssiger Luxus oder bloss ver¬ 
schönerndes Nebengeschenk des Schöpfers, sondern ein wesentlicher 
Grundzug unsrer Natur. Physiologisch angesehen ist sie die Irradiation 
des Reizes über die nächsten und die durch die Trieb- und Denk-Ent- 
wicklung associirten Nervenbahnen hinaus. Psychisch aber vollzieht 
sie sich eben wegen der Einheitlichkeit aller organischen Entwicklung 
überwiegend im Dienste der Trieb- und Denk-Entwicklung und wird 
so für gewöhnlich gleichsam ein probirendes Betasten der äusseren 
Krafterscheinung im Interesse unsrer Selbsterhaltung. Vermittelst ihrer 
bildet sich jedes Individuum so zu sagen seine dynamische Welt¬ 
anschauung (gleichsam einer Kraft-Welt) aus, indem es alle ihm be¬ 
gegnenden Kraft - Erscheinungen, in Gedanken wenigstens, darauf hin 
prüft, in wie weit sie stärker oder schwächer als die eigne Kraft sind. 
Aus der völligen Verschiedenheit dieser individuellen Kraftsphäre er¬ 
klärt sich z. B. die grosse Verschiedenheit des ästhetischen Kraftgefühls 
bei verschiedenen Menschen und vor Allem bei den beiden Geschlechtern, 
weshalb z. B. Mädchen weniger Zerstörungstrieb zeigen als Knaben, 
Frauen nicht so gewaltsame Krafteffekte, sondern mehr sanftere Ein¬ 
drücke lieben als Männer u. dergl. 
Mit dem ästhetischen Kraftgefühl haben wir den innersten 
geheimnissvollsten Punkt des ästhetischen Erregungsvorganges 
erreicht, den unsrer analytischen Sonde zu berühren überhaupt 
vergönnt ist. So tief wie diese reicht keine andere der bis¬ 
her betrachteten Gefühls-Arten in das Wesen des organischen 
Lebens hinab. Wir versuchen deshalb, von hier aus, uns noch 
einmal zurückwendend, von dem gewonnenen Gesichtspunkte 
aus zu einer abschliessenden Gesammtbetrachtung über Grund 
und Wesen aller ästhetischen Gefühle zu gelangen. Es sind 
folgende Punkte und Fragen, die bei der Betrachtung der 
einzelnen Geflihlsarten nicht durchweg erschöpfend behandelt 
werden konnten und die wir hier womöglich einer tieferen, ein¬ 
heitlicheren und umfassenderen, abschliessenden Beantwortung 
entgegenzuführen suchen müssen: 1. Die Frage nach dem 
Grunde des Gefühls und dem ReizäquiValent. 2. Die 
einheitliche Zusammenfassung aller Gefühlsarten, 
zunächst der ästhetischen, dann aber auch die Bestimmung 
des Verhältnisses der letzteren zu den sinnlichen. 3. Den
        

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